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Glaube: Ein Fundamentalist namens Jesus

Glaube : Ein Fundamentalist namens Jesus

Zum Artikel „Nutzlose Tinkturen und vollmundige Versprechen“ (TV vom 24. April) schreibt Dr. Heinz-Werner Kubitza:

Der Konzer Pfarrer Christoph Urban warnt angesichts von Corona vor unseriösen Propheten, die mit „nutzlosen Tinkturen“ und „vollmundigen Versprechen“ die Menschen täuschen oder unter Druck setzen. Er hat damit nicht Unrecht, denn tatsächlich blühen ja in der Krise nicht nur Verschwörungstheorien, sondern auch das Anpreisen angeblicher Wundermittel, um das Virus zu bekämpfen. Dennoch reibt man sich verwundert die Augen, wenn ausgerechnet ein Vertreter der evangelischen Kirche vor Propheten warnt. Natürlich nur vor falschen Propheten, so als habe es jemals „richtige Propheten“ gegeben. Der Fundamentalismus-Experte Urban spricht von „falschen Heilsversprechen, die die Angst und Orientierungsbedürftigkeit der Menschen ausnutzten.“ Man darf fragen: Ist das nicht genau das, was die Kirchen über Jahrhunderte betrieben haben und noch heute betreiben?

Eigentlich beschreibt Urban doch nur treffend das Geschäftsmodell der Kirchen. Aber es geht noch weiter. Urban warnt vor Fundamentalismus und vor der Masche, „dass das Weltende angeblich kurz bevorsteht und es ums Ganze geht“. Nun, der bekannteste Fundamentalist ist dann doch wohl Jesus selbst gewesen, dessen Kernbotschaft nach Auskunft der neutestamentlichen Forschung darin bestanden hat, dass er die Ankunft des Gottesreichs als unmittelbar bevorstehend verkündete. Damit hatte Jesus sich schlichtweg geirrt, wie das bei Propheten leider nicht selten ist.

Auch hat Jesus seine Hörer „unter starken Entscheidungsdruck gesetzt“. Er hat damit genau das getan, vor dem Urban im Artikel warnt. Und es braucht auch keine „rechtskonservativen Kreise“, um einen Zusammenhang von Gott und Pandemie zu konstruieren.

Die Bibel ist leider randvoll mit Aussagen, dass Gott nicht nur Seuchen, sondern auch Hunger und Krieg schickt. Wer also vollmundig behauptet: „Gott straft nicht, sondern Gott rettet“, der hat offenbar vom Alten Testament wenig verstanden und erfreut sich am Kitsch warmer Gedanken.

Fazit: Letztlich ist es egal, ob die Heilsversprechen von selbst ernannten tagesaktuellen Esoterikern oder von vermeintlich kundigen Vertretern der Kirchen kommen. Auf den Rat von „seriösen“ wie „unseriösen“ Propheten sollten wir in unserer Situation getrost verzichten. Selbst ernannte Propheten haben der Welt selten gut getan.

Was die Welt braucht, ist Vernunft, nicht Unvernunft.

Dr. Heinz-Werner Kubitza, Trier