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Gesundheit: Ein Mahl für die Seele

Gesundheit : Ein Mahl für die Seele

Zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie schreibt Gerd Thiel:

„Arme Ritter mit Zimtzucker“ – ein herrliches Gericht, es vereint die Einfachheit der Region mit dem wundervollen, knackigen Erlebnis karamellisierten Zuckers auf der Zunge und dem Duft nach Weihnachten in schlotziger Vanillesauce. Einfach lecker! Ein Mahl für die Seele, die in der aktuellen Lage, jeden Tag und leider auch zu oft in der Nacht, nach Seelenenergie ruft. Mit Corona ist es irgendwie nicht mehr der Nachtisch, den meine Oma so liebevoll zubereitet hatte, sondern ein Stopfer für Löcher im Bauch, die es eigentlich nicht gibt. Vielen Menschen, denen ich begegne, geht es so, und doch dreht sich das Alltagsrad weiter, als seien wir hier an der Mosel meilenweit weg von allem.

Unfassbar, wie sich Maskengegner mit Reichflaggenträgern und deren Gesinnung still sympathisieren und dabei den Blick verlieren zu scheinen für jene Menschen, die alleine sind und deren Existenz kaum mehr zu retten ist, als auch die Menschen, denen wir helfen wollen. Senioren, Behinderte, Kranke, Kinder. Die wären froh über ein wenig Aufmerksamkeit und eine Glasschale mit duftendem Seelenfutter. Doch stattdessen oft nur Einsamkeit, Isolation, Unverständnis und der Blick auf die nächste Zimmerwand, die nicht mehr beschützt vor Wind und Wetter, sondern gefangen hält im Alltag mit Corona. Die unzähligen Eltern und auch Helfer, die an und über ihre Grenzen gehen und für die gelebte Achtung vor dem Leben sicherlich mehr zählt als Beifall für den Augenblick. Wenn gefühlt jeder Urlaub im Kopf hat und das Leben vor der Haustür weiterzugehen scheint. Wenn die Nachrichten via WhatsApp und Post aus den Einrichtungen von Senioren und behinderten Menschen voller Sehnsucht nach unseren Einsätzen und nach den Begegnungen mit unseren Tieren sind. Dann werfe ich einen „Armer Ritter“-Tag ein, denn er beruhigt, und die Gedanken an Omas liebevolle Art retten mich ein wenig über den Moment der Wut, der Einsamkeit und der Frage nach dem was nun?

Täglich die RKI-Zahlen und alles so weit weg. Denkste! Seit Januar keine wirkliche Arbeit mehr, keine echte Hilfe, nicht wie Gastronomen und Reiseindustrie und Auto-Branche beschützt durch Politik und Gemeinschaft. Keine Groß-Demo, wo du mal einfach sagen kannst, was du sagen willst. Keine Tür, die sich öffnet, keine Möglichkeit, dem Irrsinn zu entkommen. Neueste Hygienevorschriften stellen fest, dass 1,50 Meter Abstand sein müssen – wie erkläre ich das meinem Therapiehund oder dem Menschen, der sich ankuscheln möchte und den wir in unseren therapeutischen Einheiten eben aus diesem Seelenloch heraushelfen wollen, in das wir gerade selbst fallen. Ein Fleischmagnat hat Anspruch auf Hilfe, weil er unzulässig handelte – wir beachten die Vorschriften und man lässt uns untergehen. Da fallen einem viele Ritter ein, die helfen könnten, mit der Rüstung aus Verantwortung und sozialem Engagement. Doch die reiten schon lange nicht mehr durchs Land, um zu beschützen und zu helfen. Wir möchten einfach unsere Arbeit tun und sind verdammt zur Stille. Was bleibt, ist „Arme Ritter mit Zimtzucker und Vanille“.

Gerd Thiel, Brauneberg, Sozialpädagoge