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Gesellschaft: Ein uralter Traum

Gesellschaft : Ein uralter Traum

Zum Artikel „Staat kann auf religiöse Bezüge nicht verzichten“ über einen Vortrag des früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert an der Uni Trier (TV vom 3. Mai) schreibt Thomas Ebersberg:

In dem Vortrag wimmelt es von fragwürdigen bis bizarren Behauptungen, die für bekennend gläubige Politiker typisch sind: „... die demokratisch verfasste Gesellschaft nur auf Grundlage religiöser Werte ...“  und so weiter. Und zu Marvin Dittmer: Philosophie in der Politik – das ist ein uralter utopischer Traum. Der Philosoph als Staatslenker, das wird nichts, das wird es nicht geben, weil dem klassischen Philosophen der „Wille zur Macht“ fehlt. Der dürfte und sollte mit dem „Willen zur Erkenntnis“ genügend in Beschlag genommen sein. Eine „säkulare Ethik-Gemeinschaft“, das klingt wieder nach einer Form von Kirche. Was ethisch „human“ ist, sollte emotional und intellektuell einleuchtend und universal verständlich sein, ohne Bezug auf eine religiöse oder säkulare Weltanschauung. Politiker und deren Berater sollten Fachleute aus den diversen Disziplinen sein – dann könnte etwas „pragmatisch Sinnvolles“ dabei herauskommen. Die demokratischen „Grundwerte“ sind ja in der Verfassung ganz gut definiert, der „Interessenausgleich“ wird immer ein Kampfplatz bleiben, mit frommen Appellen kommt man da nicht weiter.

Bei den ethischen Grenzfragen (Gentechnik, Sterbehilfe ...), ja, da kann jeder, meinetwegen auch die Kirche, die Stimme erheben – worauf sich die Mehrheit einigt, das wird in Zukunft, vermute ich mal, nicht mehr von den Kirchen bestimmt werden. Und die notwendige klare Trennung von Kirche beziehungsweise von Religion und Staat, das wird mit zunehmender Säkularisierung vielleicht doch noch erreicht werden. Den Kirchen wurde ja gerade jetzt per Freiburger Forschung der unaufhaltsame Weg in die relative Bedeutungslosigkeit per drastischem Mitgliederschwund prognostiziert.

Die Zeit der Weltanschauungsgemeinschaften dürfte irgendwann ihrem Ende entgegengehen. „Identität“ wird der Mensch von morgen nicht mehr aus einem „Glauben“ beziehen. Wie lange sich die „kulturellen Identitäten“ (Essen, Klamotten, Traditionen, Rituale ...) halten, man weiß es nicht. Aber Norbert Lammert sollte seinen Mitbürgern nicht die Notwendigkeit christlicher Werte oder Ideale als Grundlage der Politik einreden. Dafür sind sie nämlich nicht geeignet. Würde er sich mit der Botschaft des Jesus von Nazareth auseinandersetzen, dann würde er das verstehen und sich vielleicht auch eingestehen, dass die Politik des „christlichen Abendlandes“ niemals von den sogenannten „christlichen Werten“ geprägt war. Amen!

Thomas Ebersberg, Gundelfingen