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Geschichte: Eine europäische Gestalt

Geschichte : Eine europäische Gestalt

Zum Artikel „Landesvater, Kurfürst und Reformer“ über Balduin von Luxemburg (TV vom 1. März) schreibt Günther Weydt:

Vielen Dank für den Beitrag, der daran erinnert, dass wir nicht nur in der Stadt Trier umfängliche historische Bezüge zu Balduin von Luxemburg vorfinden, sondern in der ganzen „Großregion“, die zum Kernland der fränkischen Reiche von den Merowingern bis zu den Karolingern und der darauf aufbauenden Staaten des Mittelalters zählt. Gestatten Sie mir, dass ich auf einen sachlichen Fehler aufmerksam mache: Sie verweisen richtig auf Kaiser Heinrich VII. als Balduins Bruder, bezeichnen ihn aber fälschlicherweise als „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. Diese Erweiterung der seit Karl dem Großen eingeführten Staatsbezeichnung „Heiliges Römisches Reich“ ist tatsächlich erst über hundert Jahre später, ab 1474 dokumentiert. Die Kaiserwürde ist zwar zu dieser Zeit längst auf den ostfränkischen König dauerhaft übergegangen, aber es kann noch nicht von einer deutschen Nation gesprochen werden, waren doch die Grenzen des Herrschaftsbereichs wechselhaft, und auch die sprachlich-kulturelle Grenze war noch nicht gefestigt. Es liegt vielleicht an der Tradition von Geschichtsunterricht, die Vergangenheit immer aus der jeweils eigenen nationalen Perspektive zu erzählen, was allzu oft zu Verzerrungen und Mythenbildung beiträgt. Balduin von Luxemburg ist eine historische Persönlichkeit des europäischen Mittelalters, die sich nicht einfach von einer heutigen Nation oder einem heutigen Staat vereinnahmen lässt.

Günther Weydt, Rittersdorf