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Eine Gans fliegt davon - St. Martin zu Gast bei den Schlottmanns

Eine Gans fliegt davon - St. Martin zu Gast bei den Schlottmanns

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte einmal Familie Schlottmann:Mama Schlottmann, Papa Schlottmann, Amelie Schlottmann, Franziska Schlottmann, Thomas Schlottmann, Klein-Heinz Schlottmann und das kleine Baby Claudia Schlottmann.Der Sommer hatte es dieses Jahr so gut mit ihnen gemeint und wollte gar nicht enden, aber irgendwann war es dann doch soweit, dass es kalt wurde, der Wind stürmte und die Wildgänse über das Haus der Schlottmanns zogen, um in den Süden zu ziehen.

Auch Klein-Heinz und Thomas kamen heute mit einer Gans nach Hause, sie hatten Laternen im Kindergarten gebastelt, heute war der Tag des heiligen Martin. Am Abend würden sie die Laternen anzünden und singend mit vielen anderen zu einem großen Feuer wandern - oh, wie freuten sich die beiden darauf, mit St. Martin begann die schönste Zeit im Jahr, die Zeit der Lichterfeste und Geheimnisse.
"Warum fliegt ihr weg, ihr wisst gar nicht, was ihr verpasst", rief Thomas den Wildgänsen nach, und sie antworteten ihm: "Nur weg, schnell weg."
Oma war da, auch sie wollte mit auf den Martinsumzug gehen und sich das Feuer anschauen und singen. Sie bewunderte die beiden schönen Gänse, die an einem Stab in den Händen ihrer Enkelsöhne wackelten.
"Oma, weißt du, dass der heilige Martin ein Ritter war?", wollte Thomas wissen. Wie gerne wäre er auch ein Ritter, mit einer glänzenden Rüstung, einem schönen Mantel und einem großen Pferd.
"Ja, aber deshalb verehren wir ihn nicht. Sondern deshalb, weil er so ein besonders freundlicher Mensch war, der anderen geholfen hat, gerade denen, denen es nicht so gutging."
Thomas seufzte. Ja, das hatte er in den letzten Tagen schon oft gehört. Aber wie sollte das gehen? Wie half man anderen, denen es nicht so gutging?
Dann schenkte Oma ihm und Klein-Heinz zwei Euro: "Weil heute ein besonderer Tag ist. Ihr könnt euch etwas Schönes davon kaufen."
Bis der Umzug begann, hatten sie noch Zeit, und in den Edeka durften die Jungen schon ganz alleine, der Weg war nicht weit, und Mama wusste, dass Thomas gut auf Klein-Heinz aufpasste. Klein-Heinz hüpfte und sprang die ganze Zeit, aber er ließ die Hand seines Bruders nicht los. Thomas schaute sich dabei suchend um. Saß da nicht vielleicht irgendwo ein Bettler, dem er die zwei Euro schenken konnte? Nein, auf dem ganzen Weg nicht, in keinem Hauseingang, in keiner Einfahrt, nirgendwo. Was hatte der Martin auch für ein Glück gehabt - saß da einfach so ein halbnackter Mann herum, da wusste man, wo man anpacken konnte. Aber hier? Er seufzte.
"Was willst du dir kaufen?", fragte Klein-Heinz.
"Weiß nicht", Thomas zuckte die Schultern.
Sollte er sich wirklich etwas kaufen? Thomas selbst mochte keine Schokolade oder Lutscher oder Kaubonbons wie die anderen Kinder, die Süßigkeiten, die ihm schmeckten, die mussten etwas Besonderes sein. Da gab es im Süßigkeitenregal zum Beispiel Kaugummis, die im Mund knallten und prickelten, oder Esspapier, das einem einen Totenkopf auf die Zunge zauberte, wenn man es langsam darauf zergehen ließ. Solche Sachen liebte er. Aber heute am St. Martinstag - irgendwie schmeckte alles fad in seiner Vorstellung. Thomas konnte nicht anders, er schaute sich um, ob er irgendwem helfen könne. Da sah er eine Reihe weiter eine Frau, die einen ziemlich vollen Einkaufswagen vor sich her- schob. Würde sie diese ganzen Einkäufe tragen können? Vielleicht könnte er ja hier seine Hilfe anbieten. Er lief zu der Frau, die gerade das Geschäft verlassen wollte und nahm all seinen Mut zusammen.
"Kann ich ihnen beim Tragen helfen?"
Die Frau sah ihn erstaunt an.
"Willst du dir Geld verdienen?", fragte sie dann.
Thomas wurde rot.
"Nein, ich dachte, das alles ist zu schwer für sie."
Er deutete auf ihre Einkaufstüten, die noch im Wagen lagen.
"Ich bin doch mit dem Auto da." Die Frau schaute erstaunt und wollte weitergehen. Dann drehte sie sich noch einmal um.
"Sag mal, Kleiner, für wie alt hältst du mich eigentlich?"
Thomas zuckte nur die Schultern.
Und dann war es endlich so weit, dass sie zum Martinsumzug gehen konnten. Amelie und Franziska hatten keine Laterne mehr, Franziska fand das "voll uncool", aber sie hatten Fackeln dabei, die würden sie gleich anzünden, wie viele andere Jugendliche auch, und auch dieses helle Brennen machte den Umzug festlich und schön. Es war klirrend kalt geworden, die Sonne ging gerade wie eine riesige orangene Laterne unter. Und wieder flog eine Wildgansschar über sie alle hinweg und ließ ihren lockenden Ruf ertönen. Sehnsuchtsvoll blickte Klein-Heinz nach oben in den Himmel.
"Wenn ich eine Gans bin, fliege ich auch so."
"Ja Klein-Heinz, wirst du denn einmal eine Gans sein?", fragte Mama ihn.
"Ja, natürlich, eine Mama Gans." Klein-Heinz schaute immer noch nach oben und alle anderen auch in den kalten blauen Abendhimmel. Aus dem Tal stieg Nebel auf, und eine Wildgansschar nach der anderen zog vorbei, und ihr Schreien war das Einzige, was zu hören war.
"Jetzt kommt der Winter", sagte Papa Schlottmann da und schob Claudia in ihrem Kinderwagen auf den Kirchplatz und alle gingen hinterher. Es war eine seltsame Stimmung, ganz still, alle wartete,und dann blies plötzlich ein ganz kalter Wind. In diesem Augenblick kam der heilige Martin auf den Kirchplatz geritten. Er trug einen silbernen Helm auf dem Kopf und um die Schultern einen roten Mantel. Sein Pferd war nicht weiß, so, wie Thomas es sich vorgestellt hatte, sondern braun.
"Aber der heilige Martin hat bestimmt viele Pferde. Und eins davon ist bestimmt auch weiß", dachte er.
Da begann die Musikkapelle zu spielen, und alle, die ihre Fackeln oder Laternen noch nicht angezündet hatten, taten das jetzt und zogen singend und fröhlich hinter St. Martin und der Kapelle zu einem großen Feuer. Sie durften nicht so nahe an das Feuer, wie Thomas es gerne gewollt hätte, aber der Wind blies jetzt so stark, dass viele Funken flogen und die Feuerwehrleute Angst hatten, es könnte etwas passieren, wenn die Kinder zu nahe an das Feuer gingen.
Da blies der Wind auf einmal so heftig, dass die Laterne eines kleinen Jungen, er war noch kleiner als Klein-Heinz, aus seiner Hand und in das Feuer gerissen wurde. Oh, es war schrecklich. Der kleine Junge schrie und weinte, und alle mussten mitanschauen, wie die Laterne, eine kleine Eule, verbrannte. Alle Versuche, den Jungen zu trösten, halfen nicht. Keine Brezel, kein Kinderpunsch, auch nicht das Versprechen, das Pferd des heiligen Martin zu streicheln. Die Mama des Jungen nahm ihn auf den Arm und hielt ihn fest und streichelte ihn. Aber immer noch weinte er zum Steineerweichen. Die anderen Kinder stellten sich an, ihre süße Brezel in Empfang zu nehmen. Nur Thomas stand da und schaute nachdenklich auf den Jungen. Zögernd ging er näher und hielt seine Laterne hoch.
"Möchtest du?"
Die Mutter bemerkte Thomas gar nicht, aber ihr weinender Junge hörte und sah ihn. Sofort streckte er seine Händchen aus, die in dicken Handschuhen steckten, und ergriff Thomas' schöne Gans. Wie viel Mühe hatte er sich doch gemacht und wie schön war seine Gans. War es wirklich richtig, dass er sie verschenkte? Aber jetzt war es zu spät, sie war in die Hand des Jungen geflogen.
"Hier bist du", hörte er da eine vertraute Stimme, und schnell drehte sich Thomas um und vergrub sein Gesicht in Amelies dicker Jacke, in ihrem vertrauten Duft. Niemand durfte sehen, dass er weinte.
"Komm, du hast ja noch gar keine Brezel", sanft zog Amelie ihn mit sich fort, und es war so dunkel, dass niemand seine Tränen sah. Tief steckte er seine Hände in die Taschen seiner Jacke, und da spürte er etwas Kaltes. Das war doch die Münze von Oma, die zwei Euro, die sie ihm heute Mittag geschenkt hatte. Morgen würde er noch einmal in den Edeka gehen und sich etwas davon kaufen.