Forum: Eine Nacht in Monte Carlo

Forum : Eine Nacht in Monte Carlo

Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm ... ­dieser Text, ich weiß, ich weiß, beginnt rätselhaft. Das ist Absicht.

Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm ist seit bald tausendzweihundert Jahren tot und doch: allgegenwärtig. Eine Legende, der Mann. Ohne ihn sähe die Welt anders aus. Er hat uns gelehrt, eins und eins zusammenzählen. Und sein Name, na … warten Sie ab.

Zunächst ein Tipp für Glücksspieler. Wenn beim Roulette mehrmals hintereinander Schwarz gewonnen hat, muss die Kugel bald mal wieder auf Rot landen, oder? Nein, krasser Denkfehler! Es gibt dazu eine berühmte, oft kolportierte Anekdote aus dem Jahr 1913. Der Schriftsteller Florian Illies schildert sie so:

„Am 18. August geschieht im berühmten Spielcasino von Monte Carlo etwas Ungeheuerliches: Es fällt die Kugel am Roulettetisch 26 Mal hintereinander auf die Farbe Schwarz. Sehr viele Menschen im Frack verloren an diesem Abend sehr viel Geld, weil sie ab dem 16., 17., 18. Mal immer mehr Geld auf Rot setzten, in dem festen Glauben, dass es nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nun einfach dran sei. Diese Nacht ging in die Geschichte der Spieltheorie ein als ,Gambler’s Fallacy’. Denn auch in der 26. Runde liegt, auch wenn es alle, die dabei sind, nicht glauben wollen, die Wahrscheinlichkeit, dass Rot kommt, genau bei 50 Prozent. Die Kugel hat kein Gedächtnis. Und es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Kugel 26 Mal hintereinander auf Schwarz fällt, liegt trotzdem bei eins zu 136,8 Millionen.“ (Florian ­Illies: 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte)

Wir neigen dazu, das Unwahrscheinliche, den Zufall, falsch einzuschätzen – nicht nur beim Glücksspiel. Manche sagen, dass die Maschinen, die Computer, die Roboter uns das Denken (und die Fehler) mehr und mehr abnehmen. Womit wir bei Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm wären. Mathegenie, Universalgelehrter, Astronom, Geograph. Geboren um 780 in der entlegenen Oase Choresm in Zentralasien, lebte in Bagdad, starb zwischen 835 und 850. Wir verdanken ihm die arabischen Ziffern und ein Wort, entstanden aus seinem ins Lateinische übertragenen Namen: al-Chwarizm = Algorismi = Algorithmus. Meinte anfangs einfache Rechenverfahren, längst aber Prozesse, die künstliche Intelligenz steuern – und unser Leben umkrempeln.

Die Maschinen analysieren zum Beispiel, was Sie im Internet treiben. Was Sie anschauen, was Sie lesen, was Sie kaufen. Und entwickeln daraus neue Angebote, zugeschnitten auf das, was Sie interessiert oder zu interessieren scheint.

Alles programmierbar? Berechenbar? Vorhersehbar? Wie langweilig.

 Ich liebe Überraschungen, Zufälle, ich freue mich, wenn das nicht Erwartete passiert!

Käme ein von Algorithmen gelenkter Schreibroboter etwa darauf, einen Text wie diesen zu fabrizieren?! Einen Text, in dem es um einen Rechenmeister aus Bagdad geht, eine unvergessliche Nacht in Monte Carlo und Thesen über das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche?! Ich schon. Von dem, was jetzt kommt, zu schweigen: mein Urlaub. Mehr Fragen und Antworten in vier Wochen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

E-Mail: forum@volksfreund.de