leserbriefe: Einst saßen die Kerls auf den Bäumen ...

leserbriefe : Einst saßen die Kerls auf den Bäumen ...

Zur Berichterstattung und zu Leserbriefen über die Özil-Affäre und das Krisenmanagement des Deutschen Fußball-Bundes schreiben Ingrid Wecker, Manfred Schmitz, Herbert Daufenbach und Ingo Stinner:

Ich! Kann! Es! Nicht! Mehr! Hören!!! Dieses Trara um diesen amoralisch überbezahlten Fußballer, der seinen sportlichen Höhepunkt zudem längst überschritten hat, geht mir so was von auf den Zeiger. Selbst im Volksfreund füllen der Fall Özil und die seltsamen Befindlichkeiten dieses Herrn inzwischen halbe Seiten in mehreren Ressorts. Was soll das? Da wird eine Wichtigkeit vermittelt, die sich mir nicht erschließt.

Der arme Herr Özil fühlt sich als Opfer von Rassismus. Wie bitte? Dieser Multimillionär, der seinen Aufstieg zum „Weltstar“, seine Millionen und seinen Erfolg in erster Linie eben den Chancen und der Förderung zu verdanken hat, die sich ihm hier in genau DIESEM Deutschland eröffnet haben, soll ein Opfer von Rassismus in Deutschland sein? Ich verstehe die Welt und die Medien nicht mehr … Zu dem der Begriff Rassismus im Moment geradezu inflationär benutzt wird (genau wie der des „Weltstars“) und offensichtlich keiner mehr so richtig weiß, was Rassismus im eigentlichen Sinn bedeutet. Kritik üben am Verhalten eines Einzelnen oder dessen „Arbeitseinstellung“ hat jedenfalls mit Rassismus nichts zu tun. Diese Kritik muss man als Fußball-Multimillionär schon mal aushalten können.

Wer ohne Zwang mit Herrn Erdogan posiert, muss sich nicht wundern über Gegenwind. Und wer ernsthaft glaubt, dass Herr Özil nicht wusste, was er da tat, der glaubt wohl auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Und wenn Herr Özil sagt, dass er immer noch als Deutsch-Türke gesehen wird, hat er das wohl in erster Linie seinem eigenen Verhalten zuzuschreiben, das mitnichten erst damit anfing, dass er eben mit dem türkischen Präsidenten posierte.

Also bitte! Mezut Özil ist KEIN Opfer! Seine Anschuldigungen sind eine Beleidigung aller Menschen, denen tatsächlicher Rassismus mit allen widerlichen und entsetzlichen Nuancen widerfahren ist und denen es zudem finanziell wahrscheinlich auch nicht gaaaaanz so gut geht wie ihm.

Macht bitte Schluss mit dem unerträglichen Theater um diesen Kicker! Der nun auch noch als Sinnbild von gescheitertem  Integrationswillen seitens der Deutschen herhalten soll. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern zumindest zur Hälfte auch eine Bringschuld!

Ingrid Wecker, Konz

Das Ausscheiden Özils aus der Fußball-Nationalelf wird zu einem nationalen Drama hochstilisiert – lächerlich! Wenn so viel Fußball in den Köpfen ist, ist für wirklich Wichtiges kaum noch Platz. Und wenn ein Staatsoberhaupt zwei Fußballspieler mit Migrationshintergrund, die dem Despoten Erdogan gerade ihre tiefe Ergebenheit bekundet hatten, in Extra-Audienz empfängt, ist nicht nur zu viel Fußball, sondern auch zu viel ängstliche Befangenheit gegenüber fremden, herausfordernden Kulturen in deutschen Köpfen. Als wenn es eine nationale Schicksalsbotschaft wäre: „Özil rechnet mit dem DFB ab und verlässt die Nationalelf!“ Man habe ihn rassistisch drangsaliert, behauptet er – Grund genug für unsere Justizministerin, eilfertig verantwortungsvollen Umgang mit der Migration anzumahnen.

Es ist doch mit Händen zu greifen, dass der in Gelsenkirchen geborene Fußball-Millionär  Özil mental nicht integriert ist. Warum sonst verweigerte er beharrlich und mit trotziger, verstockter Miene das Mitsingen der Nationalhymne? Es liegt nahe, dass der DFB ihn massiv zum Mitsingen aufgefordert hat. Vermutlich war das für ihn schon Rassismus. Wenn einer  nichts gegen unseren Staat hat, kann er ohne Skrupel unsere friedliche Hymne mitsingen, zumindest kann er seine Lippen zum Text bewegen.

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, und ein Fußballspiel auf hohem sportlichen Niveau ohne Fouls ist für zivilisierte Zuschauer ein Hochgenuss. Wie ein Mensch den Fußball erlebt und reflektiert, ist das Ergebnis seiner Bildung und Erziehung. Was in Stadien und um den Fußball herum abgeht, ist unzivilisiert und primitiv und führt direkt in die Abgründe unserer evolutionären Herkunft: Erich Kästner formulierte es so: „Einst haben die Kerls auf Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage“. Friedrich Nietzsche meinte: „Der Mensch ist ein kluges Tier!“

Die, die so laut das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich beschreien, stört offenbar nicht, dass viele Fußballstars mit Balltreten hundertmal mehr Geld verdienen als zum Beispiel eine hochqualifizierte Bundeskanzlerin und  Diplom-Physikerin mit Doktorgrad, deren Sorgen und Arbeitsbelastung ich nicht ertragen möchte.

Muss Deutschland immer und überall gewinnen? Man mochte lachen über die totale nationale Depression, als unsere Fußball-Millionäre so früh bei der WM scheiterten. Über Nacht war das lächerliche Flaggenmeer von den Balkonen und Fahrzeugen verschwunden; an Trauerflore hatte man nicht gedacht. Unsere astronomisch bezahlten Helden spielten überholten, langweiligen Schachbrettfußball (wie eingeschlafene Füße), wogegen Mini-Nationen wie  Kroatien und junge afrikanische Völker leidenschaftlichen, frischen, offensiven Fußball lieferten. Trotzdem werden Jogi und all die anderen fett bezahlten Funktionäre es sich weiterhin gutgehen lassen – im Sumpf des DFB. Özil wird uns ganz bestimmt nicht fehlen!

Manfred Schmitz, Flußbach

Der deutsche Fußball hat schon viele Bundestrainer-Wechsel überstanden und ist nicht untergegangen. Und er wird es auch jetzt nicht, wenn Löw die Arbeit einem Nachfolger überlässt. Es wäre höchste Zeit! Viele deutsche Nachwuchstalente hätten dann auch vielleicht eher eine Chance. Löw ist  verbraucht.

Mir ist bis heute nicht klar, warum er unsere erfolgreichen Nachwuchstalente nicht für die WM in Russland berücksichtigt hat. Mein Rat: umdenken und mit der Erneuerung der Nationalmannschaft beginnen.

Übrigens: Mir hat es nicht gepasst, als ich hörte, dass Özil und Löw denselben Berater haben. Jedenfalls bleibt ein fader Beigeschmack.

Herbert Daufenbach, Wittlich

Keine Frage, der DFB, der Manager und der Trainer haben in der Vorbereitung, während und nach der Fußballweltmeisterschaft gravierende Fehler gemacht. Daher war es unsinnig und einfach falsch, eine Person zum Schuldenbock zu machen. Joachim Löw, der sich gewiss große Verdienste in der Vergangenheit erworben hat, erkannte nicht die Defizite der Mannschaft und wollte weder vor noch während der Spiele etwas am Spielsystem ändern, ebenso wie an der Personenauswahl. Er stand zuletzt ratlos am Spielfeldrand, nicht reagierend, obwohl es möglich gewesen wäre.

Dass der DFB auch nach dem Debakel an Löw festhält, ist einfach

unfassbar. In eine deutsche Nationalmannschaft gehören Spieler, die sich zur Nation bekennen, nicht zuletzt dadurch, dass sie die Nationalhymne mitsingen, wie es in allen Nationen üblich ist. Dass dies für einen Spieler mit zwei Staatsangehörigkeiten schwer ist, kann ich nachvollziehen. Mesut Özil hat sich zu seinem Präsidenten bekannt, bekräftigte zuletzt, dass er es wieder tun würde, und sollte daher die deutsche Staatsangehörigkeit zurückgeben.

Warum hat Löw ihn mitgenommen und eingesetzt, obwohl er auch in seinem Stammverein Arsenal keine guten Leistungen lieferte und häufig auf der Ersatzbank Platz nehmen musste? War die wirtschaftliche Verknüpfung mit dem gleichen Manager, der gleichen Firma der Grund?

Recht spät meldeten sich Özil oder besser: die Vertreter seiner Firma mit Rassismus-Vorwürfen zu Wort. Die Özil-Debatte nimmt Fahrt auf. Warum jetzt? Die Wahlen von Erdogan sind mit Özil gelaufen, und jetzt geht es darum, die EM 2024 in Deutschland zu verhindern und die Türkei ins Spiel zu bringen. Schon eigenartig, dass der Alleinherrscher Erdogan, der überall auf

der Welt Menschen, die nicht in sein Weltbild passen oder ihm nicht hörig sind, verfolgt und instrumentalisiert, sich als Saubermann („Ich küsse deine Augen“) aufspielt.

Die Claqueure aus allen Gruppierungen klatschen Beifall. Toll!

Ingo Stinner, Trier

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