1. Meinung
  2. Leserbriefe

Eisglöckchen - oder: Der Weg aus der Dunkelheit

Eisglöckchen - oder: Der Weg aus der Dunkelheit

Im Frühling gibt es in den Bergen immer noch Bereiche, die mit Schnee und Eis bedeckt sind, obwohl im Tal schon die Blumen blühen. Beim Wandern über solche Schneefelder ahnt man aber schon, dass dort unten in der Kälte die Eisglöckchen darauf warten, an das Licht und an die Sonne zu dürfen.

 ... bis er schließlich ganz getaut ist.
... bis er schließlich ganz getaut ist. Foto: Daniel John (daj) ("TV-Upload John"

Sie sind jetzt noch zu schwach und haben nicht die Kraft, durch Kälte und Dunkelheit hervorzukommen.
Wenn sie auch noch unter dem kalten Druck des Eispanzers keine Chance zu haben glauben, werden sie es eines Tages doch schaffen, in die Wärme und die Helligkeit zu gelangen. Sich auf den Weg zu machen, bedeutet für die Eisglöckchen, zu wachsen. Auf ihrem Weg durch die Kälte werden sie an ihrer Aufgabe wachsen und stärker werden. Und obwohl sie nicht auf einmal diese Wegstrecke durchmessen können, merken sie schon in der Dunkelheit, dass es doch zunehmend heller und auch schon wärmer wird. Die Sonne mit ihrer Strahlkraft hilft ihnen. Jeden Tag bringt sie ein wenig mehr das Eis und den Schnee zum Schmelzen. Dies wird das Wachstum der Eisglöckchen beschleunigen. Auch scheinbar geringe Veränderungen werden sie ihrem Ziel entgegenbringen.
Wenn sie dann eines Tages aus ihrer Einsamkeit in der Dunkelheit in die Helle und die Wärme kommen, ist klar, dass sich der Weg durch die Dunkelheit für sie gelohnt hat. Sie werden nun nicht mehr allein sein, sondern sich in der Gesellschaft der anderen Eisglöckchen wohlfühlen. Sie werden sich entfalten können, um das Helle und die Wärme, die Sonne, ganz in sich aufzunehmen.
Beim Wandern über die Schneefelder sieht man das alles noch nicht. Aber es ist ganz sicher, dass die Eisglöckchen eines Tages, fix und fertig in ihrem lilafarbenen Kleid, aus der Dunkelheit und der Kälte auftauchen werden, dass sie sich in der Wärme entfalten und entwickeln werden und allein dadurch, dass sie da sind, mit ihrem Anblick die Wanderer erfreuen.