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Katholische Kirche: Empörend – so oder so

Katholische Kirche : Empörend – so oder so

Zu den Artikeln „Schwanger vom Priester: Affäre erschüttert Bistum Trier“ und „Es gibt nur den Weg der Abtreibung” sowie zum Titelfoto der Zeitung (TV vom 9. März) schreiben Beate Just, Jörg Reidenbach, Hiltrud Kirchner-Plum, Maria Knebel, Monika Wächter und Rainer Hülsmann:

Zurückversetzt in das tiefste Mittelalter vermag ich diesen Bericht zuordnen zu können, absolut schändlich, doch zur damaligen Zeit wohl durchaus üblich. Heute betrachtet macht mich der Bericht zutiefst betroffen. Als Hochwürden betiteln sie sich selber, die Würde anderer treten sie mit Füßen. In eigener Entscheidung legen sie einen Eid auf den Zölibat ab, der von ihnen selber unzählige Male und immer wieder gebrochen wird. Predigen den Gemeindemitgliedern, zu beichten und Buße zu tun, eigene Verfehlungen werden mit einer Ignoranz zu vertuschen versucht und bis in höchste Instanz unter das bewährte Deckmäntelchen des Schweigens gestopft. Die eigenen Richtlinien der katholischen Kirche in Bezug auf Abtreibung werden übergangen und immer weiter Missbrauch betrieben. Welch ein armseliges Verhalten. Meiner Ansicht nach ist es längst überfällig, den unzähligen durch Geistliche betroffenen Missbrauchsopfern ihre Menschenwürde zurückzugeben, sie endlich zu hören und ernst zu nehmen.

Der einzige Weg, den die katholische Kirche beschreiten kann, um einen Hauch Glaubwürdigkeit wieder erlangen zu können, ist eine schonungslose Transparenz gegenüber allen Missbrauchsfällen und Straftaten und die grundehrliche Offenheit gegenüber den Betroffenen und deren Wunsch nach eventueller Aufarbeitung. Vor allem aber die Konsequenz für alle Verantwortlichen, auch für die schweigsamen Hochwürden. Und mit Konsequenz meine ich nicht eine Versetzung in aller Stille oder in den Ruhestand. Allen Betroffenen gebührt der Respekt, die Kraft und das Durchsetzungsvermögen gegen diesen heiligen Filz aus Ignoranz.

Beate Just, Neunkirchen

Meine spontane Reaktion auf das großformatige Foto auf der Titelseite? Knappe Antwort: Empörung! Empörung wegen der Wirkung, die diese reißerische Detailaufnahme eines Priesters im klerikalen Gewand erzielen wird, egal ob beabsichtigt, in Kauf genommen oder auf peinliche Weise unbedacht. Da wird, noch verstärkt durch die Großbuchstaben der Headline, die katholische Priesterschaft in ihrer Gesamtheit angeprangert, bloßgestellt, verunglimpft.Dieser Effekt wird nicht aufgefangen durch die ausführliche Berichterstattung über einen konkreten, in der Tat empörenden Missbrauchsfall. Mein Mitgefühl gilt den vielen Priestern, die ihr Amt engagiert und in Würde ausüben, sich durch die Aufmachung des von mir kritisierten Berichts einem Generalverdacht ausgeliefert fühlen (könnten).

Jörg Reidenbach, Trier

Da sprang mich vom Titelblatt des TV ein schwarzes Monster an. Welchem Kleriker hatte man den Kopf abgeschnitten? Eigentlich könnte das jeder Priester sein. Mein zweiter Gedanke: Entweder ich muss jetzt gleich aus der Kirche austreten – oder wir kündigen unser TV-Abonnement. So skandalös und widerwärtig die Geschichte auch ist, und sie ist ja nicht die einzige dieser Art, so werden wir doch wohl eher Letzteres tun. So langsam setzt bei mir ein gewaltiger Trotz ein gegen diese Art von „Berichterstattung“. Dieses Mal wirkt sie auf mich wie eine konzertierte Aktion, wie ein Ausholen zu einem letzten Schlag gegen die Bischöfe? Die Kirche? Dritter Gedanke: Die Grafik auf Seite zwei aus dem digitalen Selbstbedienungsladen geht daneben. Da wird ein Bildzeichen willkürlich mit allerlei christlichen Symbolen tapetenartig aufgeladen. Ob das wohl die betroffene Frau ausmacht? Ihr gilt mein ganzes Mitgefühl, aber ich bin sicher, ihre Probleme dürften sehr viel differenzierter sein. Womöglich stößt diese Geschmacklosigkeit auch Angehörigen anderer Konfessionen unangenehm auf.

Hiltrud Kirchner-Plum, Kanzem

„Müssen wir jetzt aus der Kirche austreten oder den TV abbestellen?“, wurde ich gefragt nach Erscheinen der beiden oben genannten Artikel. Keine Frage: Es ist unbestritten – für beide Alternativen gäbe es Gründe genug.

Ich sehe aber noch eine dritte Möglichkeit, und für die will ich mich starkmachen: Übernehmen wir, die Generation der älteren, hoffentlich weise gewordenen Frauen die Aufgabe, unsere Töchter und Enkelinnen so zu erziehen und zu stärken, dass sie frei sind, Nein zu sagen.

Das schaffen sie, wenn sie ermutigt werden, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und sich nicht abhängig machen zu lassen von Vorgesetzten, kirchlichen Autoritäten, Ehemännern.

Allen Interessierten empfehle ich die Streitschrift „Die potente Frau“ der Philosophin Svenja Flaßpöhler, die im Zusammenhang mit der Me-Too-Debatte an die Frauen appelliert, endlich aus der Opferrolle auszusteigen und selbst Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, statt die eigene Entscheidung vom Votum der Männer – wie im oben genannten Fall zum Beispiel dem Beichtvater – abhängig zu machen. Unterstützung dabei bieten Beratungsstellen, Frauenverbände und die Solidarität unter Frauen – und das nicht nur am Weltfrauentag!

Maria Knebel, Kenn

Nach sorgfältigem Lesen dieser im Grunde absolut beispielhaften Geschichte zu vielen anderen Fällen des Machtmissbrauchs durch höhere Kleriker wurde mir mal wieder überdeutlich klar, welch heuchlerische, ja kriminelle Institution sich hier offenbart.

Nicht nur diese Übertretung eigener (absolut unnatürlicher) Moralgesetze wie Zölibat oder Kriminalisierung von Abtreibung oder sogar Verhütung im sogenannten Kirchenrecht, sondern auch das Vertuschen oder Hinschleppen der Aufarbeitung dieser entsetzlichen Fälle müssen jeden denkenden und mitfühlenden Menschen mit Abscheu erfüllen.

Die Reaktionen der Kirchenspitze bis hin zum Papst sind mehr als grausam und fragwürdig, wenn man den Artikel gelesen und verstanden hat. Ich bin allerdings nicht erstaunt darüber, denn das ist seit langem als die übliche Vorgehensweise bekannt! Außer salbungsvollen und nichtssagenden Sprüchen kam keinerlei echte Hilfe oder Anteilnahme. Ich verstehe nicht, wie sich noch immer Frauen mit diesem weltfremden und frauenfeindlichen Altmännerclub, der in der Geschichte so viel Leid und Schuld auf sich geladen hat, verbunden fühlen und sich auch regelrecht anbiedern. Kann mir jemand etwas Positives sagen, was die Kirche jemals für Frauen getan hat? Und wieso gibt es zweierlei Recht für kriminelle Vergehen, staatliches Recht und Kirchenrecht? Wieso beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft nicht zeitnah wichtige Akten, damit diese nicht vernichtet werden können, wie auch geschehen?

Monika Wächter, Wittlich

Die Artikel über priesterlichen Missbrauch stellen ein Crescendo der Anprangerungen scheußlicher Untaten dar. Es ist natürlich notwendig und richtig, dass die Redakteure intensiv recherchieren und berichten, erst recht, wenn sich ein Verdacht von Vertuschung ergibt. Damit aber nicht der Eindruck einer sexuellen Verseuchung der gesamten katholischen Kirche entsteht, müsste dann nicht auch ebenso oft über positive Wirkungen des Klerus berichtet werden, beispielsweise über die erfreulichen sozialen Aktivitäten der Kirche oder über die in Trier kirchlich geführten beiden Krankenhäuser, Brüderkrankenhaus und Mutterhaus der Borromäerinnen? Durch meine Tante, die Nonne im Mutterhaus war und in diesem Kloster 70 Jahre lebte, hatte ich Einblick in das Ordensleben. Beeindruckend waren die Selbstlosigkeit, Disziplin, Anspruchslosigkeit und unermüdliche Aufopferung der Schwestern. Sie lebten von früh bis spät nach dem Prinzip „ora et labora“, gleichgültig, ob sie im Operationssaal Menschen retteten, in der Krankenpflege heilten, im Kindergarten trösteten oder in der Großküche rackerten. Alles ohne irgendeinen Lohn. Und das Keuschheitsgelübde wurde mit 80 Jahren bei einem feierlichen Gottesdienst nochmals wiederholt. Aber das einzuhalten, war vielleicht dann doch nicht mehr so schwierig wie bei einem jungen Priester …

Rainer Hülsmann, Trier