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Erich Marschall zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche

Meinung : Taten verjähren, die Erinnerung der Missbrauchten aber nicht

Kirche

Zum Artikel „Trierer Bischof bald kein Missbrauchsbeauftragter mehr?“ (TV  vom 9. Juli):

Die römisch-katholische Kirche ist  sehr gläubig und der Meinung: Wenn man das Kalenderblatt nicht abreißt, bleibe die Zeit stehen. Anders ist nicht zu erklären, dass man dort versucht, den Kirchensteuerzahlern klar zu machen, dass das Geld, das die Kirche an die Missbrauchsopfer zahlt, minderwertiges Geld  sei, das nicht aus dem  Kirchensteuer-Aufkommen gezahlt würde, sondern zum Beispiel aus Einkünften aus Vermietung und anderen Einkünften, zähle aber nicht zu dem Vermögen der Kirche und seien Einkünfte so nebenher.

Also führt die Kirche zwei Kassen, einmal die Kirchensteuer, um das Geld für ihr vermeintlich soziales Arbeiten zu verwenden und zum anderen die Erträge des Bischöflichen Stuhles, aus denen die Missbrauchsopfer kärglich entschädigt werden.

Da wären ja nun noch die Einnahmen aus dem Klingelbeutel, die sind sicherlich für Leistungen unter den Haushälterinnen aufzuteilen.

Das wäre genau so, als machte ich einen Einbruch und würde 500 Euro stehlen. Bei der Gerichtsverhandlung würde ich um ein mildes Urteil bitten, da das Geld ja nicht von erbrachter Arbeit her rühre, sondern aus Zinsen, die angespart würden, was ja doch einen Unterschied mache.

Die Menschen haben meiner Meinung nach langsam die Nase voll von Ausreden wegen Verjährung, unglaubwürdigen Darstellungen, der Vertuschung von Straftaten und dem Inschutznehmen der Täter. In Köln gibt Kardinal Woelki – so macht es den Eindruck – immer wieder Gutachten in Auftrag, bis das Ergebnis so ist, dass die Beschuldigten  gut dabei  wegkommen.

Es ist undenkbar, wie die Kirche sich über den Staat hinwegsetzt. Im Artikel 16 des Konkordats ist zu lesen: Vor dem Amtsantritt hat jeder neue Bischof den Treueeid gegenüber dem Land und dem Präsidenten zu leisten. Die Kirche aber widersetzt sich dem Gesetz, indem sie zum Beispiel Verurteilte, die abgeschoben werden müssen, Kirchenasyl gewährt. Hat die Kirche vielleicht eine andere Eidesformel?

Anscheinend fehlt den Verantwortlichen immer noch der Anstand, sich der Bevölkerung gegenüber glaubhaft zu machen und den Geschädigten Anerkennung zu zollen. Auch wenn die Taten verjährt sind, verjähren die Erinnerungen der Missbrauchten aber nicht.