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Gesellschaft: Erogene Zone, auch ungeschminkt

Gesellschaft : Erogene Zone, auch ungeschminkt

Zum Artikel „Wie der perfekte Kussmund gelingt“ (TV vom 25. April) schreibt Agnes Gräser:

Das nötige Equipment: Lippen-Primer, Lipp-Gloss, Lippenpeeling (oder Zahnbürste), reichhaltige Lippenpflege, Konturenstift, Lippenpinsel, eine Auswahl an Farben passend zur Kleidung, Kosmetiktuch, transparenter Puder, Wattestäbchen, Make-up-Entferner. Dazu Zeit und das nötige Kleingeld.

Die allermeisten Frauen sind nicht so, wollen so nicht dargestellt werden. Frauenlippen als Kussmund – das ist ebenso anachronistisch-sexistisch wie die Reduktion einer Frau auf ihr Äußeres oder ihr Geschlecht.

Frauen- und Männerlippen sind ein sensibles Tastorgan, für Säuglinge das wichtigste Sensorium. Sie dienen der Nahrungsaufnahme. Lippen sind Teil des menschlichen Sprechapparats, unverzichtbar für eine differenzierte Lautbildung und verbale Kommunikation. Lippen haben stärkeren Anteil am Gesichtsausdruck als Augen. Sie sind erogene Zone, auch ungeschminkt.

Bleibt zu hoffen, das überdimensionierte Lippenfoto mit Begleittext diente im Volksfreund als Seitenfüller und hat als solcher den Weg auf die Seite „Wohlfühlen“ gefunden.

Dabei gibt es Frauen-Wohlfühl-Themen en masse: familienfreundliche Arbeitszeiten für Mütter und Väter, quantitativ ausreichende und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsangebote, bedarfsgerechte Vor- und Nachsorge sowie Geburtshilfe durch Hebammen mit mehr Zeit und weniger Stress, mehr Frauenhausplätze, bezahlbarer Wohnraum, neue Organisationsformen, die es Frauen erleichtern, sich aktiv in der Politik einzumischen …

Darüber gilt es zu informieren, auch über die besten Alternativen zu gängiger Praxis. Weiterentwicklungen in diesen Themen- und Lebensbereichen bergen ein kaum zu überschätzendes Potenzial für das Wohlbefinden von Frauen.

Darum: Bitte keine Lückenbüßer-Artikel mehr, stattdessen mehr journalistischen Mut. Und sei es nur der Mut zur Lücke, zur dünneren Zeitung – als typischer Fall von „weniger ist mehr“!

Agnes Gräser, Trier