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Erst stirbt die Praxis...

Auch für den Kommentator Bernd Wientjes sollte es längst kein Geheimnis mehr sein, was mit dem Begriff "Staatsmedizin" gemeint ist. Kaum einem chronisch kranken Patienten dürfte entgangen sein, dass es bereits jetzt keine Therapiefreiheit in den "freien" Praxen mehr gibt. Per Gesetz sind Ärzte verpflichtet, nicht das beste, sondern das billigste Medikament zu verordnen. Durch Prämien soll er verleitet werden, dem Patienten notwendige Medikamente vorzuenthalten. Verordnet er hingegen nach Wissen und Gewissen zu viel, haftet er persönlich dafür und muss die zu viel verordneten Arzneien aus eigener Tasche zahlen (das ist mit dem Begriff "Regress" gemeint). Die verabschiedete Gesundheitsreform läutet im so genannten "Wettbewerbsstärkungsgesetz" nun eine ganz neue Ära ein; demnach sollen sich die Ärzte um die verknappten Mittel nach dem "Knock-out-Prinzip" streiten. Der Wettbewerb sieht dabei allerdings nicht etwa so aus, dass der Patient entscheidet, welchen Arzt er für den besseren hält, mit dem er dann einen Behandlungsvertrag abschließt. Vielmehr sollen die über 200 Krankenkassen mit einzelnen Ärzten um Behandlungspauschalen verhandeln, zu denen dieser, wenn er denn dazu noch kommt, versuchen soll, seine Patienten zu behandeln. So bestimmen die Krankenkassen und nicht der Patient, zu welchem Arzt der Patient gehen darf. Dies ist kein "an die Wand gemaltes Schreckens-Szenario", sondern bereits in Form der so genannten "DMP-Verträge" realisiert. Da der Topf der Geldmittel begrenzt ist, wird dann für diejenigen Ärzte, die "übrig bleiben", der Topf leer sein; diese werden schließlich als Kassenarzt nicht weiter praktizieren können. Der nächste Schritt ist dann die allmähliche Kürzung der Honorare der vertraglich gebundenen Ärzte, die quasi "am Angelhaken baumelnd" aus ihren Einzelverträgen nicht mehr herauskommen. Auch für diese Entwicklung gibt es bereits Beispiele. Damit wird das Ziel verfolgt, die Zahl der derzeit niedergelassenen Ärzte bundesweit um 30 Prozent zu reduzieren. Diese Aussage ist keine Mutmaßung, sondern wurde als Zielvorgabe von Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums formuliert. Die Annahme, dass angesichts dieser Entwicklung die medizinische Versorgung so gut bleiben kann, wie sie derzeit noch ist, entbehrt jeder Logik. Es ist allein eine Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass mit der Abnahme vorsorglicher Untersuchungen ernste, auch lebensbedrohende Erkrankungen zu spät oder gar nicht erkannt werden. Daher bringt der etwas plakativ anmutende Slogan die Entwicklung leider allzu treffend auf den Punkt: "Erst stirbt die Praxis, dann der Patient." Stefan Pappert, Medi-Verbund, Trier