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Exzentrische Tabubrecher

Gesellschaft Johannes Ludwig Trier

Zum Leserbrief "Maßlose Unverschämtheit" (TV vom 28. Oktober):
Ich werde der "maßlosen Unverschämtheit" bezichtigt. Dabei hatte in meinem Text "Dem Ernst des Lebens nicht gewachsen" (TV vom 21./22. Oktober) unmissverständlich klargemacht, dass ich jedem das Recht zugestehe, mit seiner Haut das zu machen, was er für gut hält. Allerdings habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie ein Tattoo auf andere Menschen wirkt. Stellen wir uns eine Abstimmung darüber vor, ob eine großflächige Tätowierung wie ein positiver Farbtupfer in einer ansonsten tristen Umgebung wirkt, oder einfach nur abstoßend? Wir beide, liebe Frau Sauren, sind uns über das Ergebnis wohl im Klaren.
Wohl aber auch darüber, dass solch ein Votum wohl kaum verbindlich sein darf. Es könnte uns lediglich Aufschluss darüber geben, wie die Akzeptanz von Tattoos in der Gesellschaft ist. Wie entstehen solche Subkulturen? Viele Leser können sich vielleicht noch an den Film "Heimat" von Edgar Reitz erinnern, in dem sich junge Mädchen nach dem Besuch eines Zarah-Leander-Films vor dem heimischen Spiegel wiederfinden, wo sie versuchen, die kesse Schläfenlocke ihres Stars nachzubilden. Oder denken wir an den Ohrschmuck männlicher Rock-Idole, an die Tattoos bekannter Fußballspieler und prominenter Vertreter der Pop-Szene, die imitiert werden. Diese Naivität, die bei einem 15-Jährigen eher zu verstehen ist als bei einem 25-Jährigen, ist sicherlich auch pubertätsbedingt.
Leider hat diese Problematik auch mit dem Wechsel der Vorbilder zu tun. Waren es früher Dichter und Denker, Wissenschaftler und Wohltäter der Menschheit, die ein großes Reservoir an Vorbildern darstellten, sind es heute die lauten und exzentrischen Tabubrecher, die sich als Idole anbieten. Daher rührt auch meine Einschätzung als typischer Fall von Oberflächlichkeit. Denn mit einem Tattoo wird die Haut zur Visitenkarte; und auf der Visitenkarte zeigt man das, was einem besonders wichtig ist.
Wenn ich lese, dass die Briefschreiberin Lehramtsstudentin ist, zucke ich doch ein wenig zusammen, denn sie wird einmal als Lehrerin unsere Kinder beziehungsweise Kindeskinder auch darin unterrichten, wo die Prioritäten des Lebens zu setzen und was unsere Werte sind.
Aber - wie schon geschrieben, wird sich mit 25 Jahren die Einstellung (hoffentlich) ändern!
Johannes Ludwig
Trier