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Familienbande, Bandenfamilie

FOTO: TV / Klaus Kimmling
Einfach fabelhaft: Familie – die beste Bande der Welt.

Alles auf Anfang: Die Lebenswelten der Menschen verändern sich, ist allenthalben zu hören. Nichts bleibt, wie es ist, heißt es. Die politische Gemengelage. Das Klima. Der ... egal, das ist nichts Neues. Veränderung ist normal.

Ebenso normal: Was gestern noch richtig war, ist heute falsch. Was gestern noch gut war, ist heute schlecht. Was gestern noch positiv war, ist heute negativ. Passiert ständig, solche Umdeuterei. Manchmal an Kleinigkeiten festzumachen, manchmal an einem einzigen Wort.

Neulich auf einer Geburtstagsfeier (kann auch eine Hochzeit gewesen sein), ich fange meine Rede an wie immer:

Lieber Festgegenstand, liebe Festgemeinde, liebe Eltern, Schwiegereltern, Tanten, Onkel, Schwestern, Brüder, Töchter, Söhne, Neffen, Nichten, liebe Verschwippte und Verschwägerte, liebe Sportsfreunde, Eminenzen, Exzellenzen, hochverehrte Damen, edle Herren, liebe Großfamilie!

Hoppla, da ist es, das Wort: Großfamilie. Ein positiv besetztes Wort, oder? Ein gutes Wort, ein richtiges Wort – gestern. Und heute? In den Medien geht es mit der Wertschätzung für die Großfamilie  übelst bergab. Das fällt auf, wenn über Banden berichtet wird, die in Berlin oder im Ruhrpott ihr Unwesen treiben. Rauschgift, Rotlicht und so. Von Großfamilien ist die Rede (oft mit dem Zusatz „arabisch“ oder „libanesisch“). Großfamilie, bäh. Der Kontext: kriminell. Das Milieu: mafiös. Anscheinend ist die Großfamilie jetzt negativ, schlecht, falsch. Hmm.

Ein bisschen Recherche. Die Familie ist bis ins Detail erforscht:  Kleinfamilie (zwei Generationen = Eltern + Kinder), Großfamilie (mehrere Generationen nebst Seitenlinien), Patchwork-Familie, Regenbogenfamilie, erweiterte Familie, polyamore Familie – für jede Beziehungskiste gibt es einen Namen. Zieht ein Ehepaar nach der Heirat zur Familie der Frau, sprechen die Gelehrten von Uxorilokalität, geht es zur Familie des Mannes, nennen sie es Virilokalität, lässt das junge Glück sich woanders nieder, beschreiben sie es als Neolokalität. Und dergleichen mehr.

Der kriminelle Dreh kommt aus der Mafia-Ecke. Die Gangster bezeichnen ihre Organisation als: Familie. Sie tun Schlechtes, halten sich für die Guten. Während die Guten sie für die Schlechten halten ...

Das eine: Familienbande. Das andere: Bandenfamilie.

Eins ist sicher: Ich lasse mir die Familie nicht vermiesen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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