Forum

Meinung Findelkinder und Trittbrettfahrer Waltraud Rosar aus Trier schreibt: Das Babyfenster ist ohne Zweifel eine sinnvolle Einrichtung. Nach der Aussetzung eines Neugeborenen in einer Trierer Telefonzelle stellt sich jedoch die Frage nach dem Bekanntheitsgrad des Hilfsangebots.

Im Volksfreund ist auf der Service-Seite nur die Telefonnummer des Babyfensters angegeben. Es ist wenig wahrscheinlich, dass eine Mutter in der Notsituation, ihr Baby anonym abgeben zu wollen, telefonisch den Standort des Babyfensters erfragt. Es wäre sicher hilfreich, wenn auch die Adresse angegeben würde. Die Gefahr, dass dies zu Missbrauch führen könnte, dürfte gering sein. Liebe Frau Rosar, vielen Dank für Ihre Zuschrift und den Vorschlag. Wir haben die Rubrik "Schnelle Hilfe" auf der Service-Seite ergänzt. Neben der Telefonnummer des Trierer Babyfensters ist nun die Adresse vermerkt: Ruländer Hof, Eingang Böhmerstraße. Ob Mütter, die ihre neugeborenen Kinder loswerden wollen, die Zeitung lesen? Wir wissen es nicht. Die Berichterstattung trägt im besten Fall dazu bei, Leben zu retten - weil die Säuglinge nicht irgendwo im Nirgendwo ausgesetzt werden. Im schlimmsten Fall kommen Rabeneltern womöglich erst durch die Medien auf die Idee, ihren Nachwuchs abzuschieben. Überspitzt: Was wäre, wenn wir die Geschichte der Findelkinder nicht erzählten? Wenn wir nicht auf das Babyfenster hinwiesen? Wären die armen Würmer, die dort in den vergangenen Jahren abgegeben wurden, noch bei ihren Eltern? Oder lägen sie tot im Wald? Das Beispiel ist krass. Und doch ist es nur eines von vielen. Täglich entscheiden Journalisten: Was muss, was kann, was darf veröffentlicht werden? Und: Was sind die möglichen Folgen? Der Mensch neigt dazu, sich an Vorbildern zu orientieren, ihnen nachzueifern. Filmstars, Popsänger, Supermodels: Sie finden Bewunderer und Nachahmer. Terroristen, Amokläufer, Bankräuber: Sie finden Bewunderer und Nachahmer. Meist harmlos, bisweilen irre, mitunter gefährlich. Kriminologen haben ein Wort dafür geprägt: Trittbrettfahrer. Schaut her, ich bin genauso cool (großartig, bedrohlich ...) wie die Typen, die im Fernsehen auftreten, deren Storys die Zeitungen ausbreiten! Schenkt mir Aufmerksamkeit! Verrückte morden, um berühmt zu werden. Manche bringen sich selbst um. Darüber wird zurückhaltend berichtet. Ein Tabu, aus gutem Grund: Es gibt wohl einen Zusammenhang zwischen Suizidmeldungen und Nachahmungstaten (so heißt das im Polizeideutsch). Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Werther-Effekt, nach Goethes Bestseller von 1774, in dem sich der unglücklich verliebte Titelheld eine Kugel in den Kopf jagt. Dutzende unglücklich verliebte Werther-Leser taten es der Romanfigur gleich ... Die Nachrichtensperre ist aufgehoben, wenn öffentliches Interesse besteht. So wie vor eineinhalb Jahren, als sich der populäre Fußballer Robert Enke vor einen Zug warf. Warum? Wieso? Weshalb? Kaum jemand ahnte, dass er krank war. Ein Rätsel, ein Schock, thematisiert in allen Blättern, auf allen Kanälen. Die positive Konsequenz: Plötzlich kam eine gesellschaftliche Debatte über das "Volksleiden Depression" in Gang. Die negative Konsequenz: Die Zahl der Selbstmörder, die ihrem Leben auf Bahngleisen ein Ende setzen, stieg an. Der Enke-Effekt. Nachdenkliche Grüße Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur E-Mail: forum@volksfreund.de