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Meinung Lingua blablativa Herr F. schreibt: Ich bin Pendler und werfe ab und zu einen Blick in die luxemburgischen Zeitungen.

Da ist mir neulich eine fette Überschrift ins Auge gesprungen, mit der ich nichts anfangen konnte. Es drehte sich irgendwie um den "salariatsfeindlichen Austeritätskurs" oder so ähnlich. Was, bitte schön, ist das? Wie kann man so etwas auf einer Titelseite melden, ohne es zu erklären? Und warum schaffen es die Politiker - das gilt ja auch für deutsche - nicht, sich so zu äußern, dass es ein Normalmensch kapiert? Lieber Herr F., vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich maße mir nicht an, die Arbeit der Zeitungsmacher in Luxemburg zu kommentieren. Aber ich widme mich gern dem Thema im Allgemeinen - weil Sie Fragen anschneiden, die jeden Journalisten in jedem Land an jedem Tag beschäftigen: Wie schaffe ich es, den verquasten Politiker-Sprech in Klartext zu übersetzen, damit Leser/Hörer/Zuschauer wissen, was wirklich gemeint ist?! Schauen wir uns ein Beispiel an: Ich gehe davon aus, dass die Entwicklung der Lage die Lösung der Probleme erleichtert, aber auch eine Herausforderung darstellt, denn die unverzichtbare Voraussetzung für die Akzeptanz unserer Politik ist es, dass wir den Bürgern nicht in die Tasche greifen, sondern uns durch gezielte Maßnahmen als Partei des Aufschwungs profilieren. Ein verknotetes Satzgebilde. Vorgestanzte Floskeln. Versatzstücke. Worthülsen. Einstudierte Standards. Verbale Nebelkerzen. Vor Wichtigkeit triefend. Gestelzt, gespreizt, gestopft. Schwall-Deutsch. Oder, wie es der Soziologe Niklas Luhmann genannt hat: Lingua blablativa (Lingua = Zunge, Sprache, blablativa = Steigerung von blabla). Das krasse Beispiel-Zitat stammt von Erhard Eppler (geboren 1926). In der Ära Willy Brandt ein Vordenker der SPD. Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Viele Jahre Abgeordneter im Bundestag und im baden-württembergischen Landtag. Eppler - ein Bläh-Boy, der sich aufplustert und Sprechblasen absondert? Nein. Der Mann hat in den Neunzigern ein Buch über die Krise der Politik im Spiegel der Sprache geschrieben ("Kavalleriepferde beim Hornsignal") - und dabei die übelsten Binsen zu einem Mustersatz zusammengeklebt (siehe oben). Eppler entlarvt das bedeutungsschwer anmutende Gesülze; er führt vor, warum der Homo Politicus sich tagein, tagaus in der Kunst übt, den läppischsten Selbstverständlichkeiten durch pompöses Wortgeklingel den Anschein von Gedankentiefe zu geben; und er weist nach, dass die grassierende Politikverdrossenheit unmittelbar mit der Phrasendrescherei zu tun hat. Der Job von Journalisten ist es, das Salbadern der politischen Klasse zu durchleuchten, zu hinterfragen, zu verklaren. Das gelingt nicht immer: Viel zu oft findet sich der typische Jargon ungefiltert in Zeitungsartikeln, in Fernsehinterviews, in Radiobeiträgen. Warum? Der Zeitdruck, sicher. Der Versuch, die mit heißer Luft aufgepumpten O-Töne für die Nachwelt zu dokumentieren, okay. Meist ist es jedoch einfach Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit, leider. Politiker sagen selten, was sie meinen ... ... weil sie - der Preis der Mediendemokratie - an keiner Kamera, an keinem Mikro, an keinem Reporter vorbeihuschen können, ohne zu einem Statement aufgefordert zu werden: zum Atom ausstieg, zu Afghanistan, zum Euro. Wer sich zu weit vorwagt, riskiert Watschen von den eigenen Leuten. Wer sich weigert, gilt als Spielverderber. ... weil sie sich keinen Ärger einhandeln wollen - mit Wählern, Koalitionspartnern, Unternehmerverbänden, Gewerkschaften, Kirchen, Parteifreunden, Parteifeinden, Regierungen anderer Staaten. ... weil sie zwar nichts zu sagen haben, aber trotzdem etwas sagen, um den Eindruck zu vermeiden, sie hätten nichts zu sagen. Die ZDF-Talkmasterin Maybrit Illner kämpft in ihrer Quasselrunde mit den Verschleierungsprofis. Sie müht sich, den gröbsten Nonsens zu verhindern, und hat ein Buch daraus gemacht: "Politiker-Deutsch / Deutsch-Politiker". Auszüge: Politiker sagen: Wir müssen die Menschen da abholen, wo sie sind. - Politiker meinen: Freiwillig kommt ja keiner mehr. Politiker sagen: Wir brauchen einen handlungsfähigen Staat. - Politiker meinen: Schnallt die Gürtel enger, Freunde! Politiker sagen: An diesen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. - Politiker meinen: Wie um alles in der Welt haben diese Schweinejournalisten das alles herausbekommen. P.S.: Ich habe nachgeschlagen, was sich hinter dem Fremdwortsilbenmonster salariatsfeindlicher Austeritätskurs in Luxemburg verbirgt. Austerität = strenge staatliche Sparpolitik. Sala riat = Arbeitnehmer, Lohn empfänger. Zu deutsch: Regierung knausert, Bürger haben weniger im Säckel. Klingt nicht so doll. Und am Ende versteht noch jemand, was Sache ist … Herzliche Grüße! Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur E-Mail: forum@volksfreund.de Internet: http://forum.blog. volksfreund.de

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