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Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn\'s ihm gut geht, und eine, wenn\'s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion … Mit diesen Sätzen beginnt eine berühmt gewordene Satire von Kurt Tucholsky, der vor achtzig Jahren über seine Zeitgenossen herzog und eine unnachahmliche Charakterstudie lieferte.

Wer sich heutzutage mit der Vermessung des Menschengeschlechts befasst, wühlt erst einmal in Zahlen, Daten, Statistiken. Die Autoren des Buchs "Deutschland verstehen" etwa, die zusammengezählt haben, was wir in den achtzig Jahren, die unser Dasein währt, so treiben: Wir schlafen fast fünfundzwanzig Jahre, arbeiten sieben, verbringen fünf mit Essen und zwei im Auto (davon ein Gutteil im Stau). Neun Monate spielen wir mit unseren Kindern, sechs sitzen wir auf der Toilette, drei in der Kneipe. Wir küssen zwei Wochen, beten zwei Wochen. Und der Rest? Wir konsumieren Medien, dreiunddreißig Jahre! Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen, Bücher, Computerspiele. Wir googeln, twittern, simsen, tickern, downloaden, forwarden, bloggen, glotzen, talken - pausenlos, wie der Publizist Reinhard Mohr anmerkt. Noch ein Trend: die atemberaubende Beschleunigung, die ungeheure Vermehrung von vermeintlichen und echten Neuigkeiten, die sich ratzfatz verbreiten. Früher hieß es, jeden Tag werde eine andere Sau durchs mediale Dorf gejagt. Der Spruch trifft\'s längst nicht mehr - die wilde Hatz saust im Minutentakt um die Häuser. Im Schweinsgalopp. Hechel, hechel! Es scheint, als werde alles immer komplizierter, immer verwirrender. Zum Job von Journalisten gehört es, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, die Dinge zu sortieren, Zusammenhänge aufzudröseln, die Welt zu deuten. Was bewegt die Menschen in der Region? Dass die Polkappen schmelzen? Ja, sicher. Dass die Amerikaner demnächst ihren Präsidenten wählen? Ja, gewiss. Dass in der Ukraine streunende Hunde abgemurkst werden? Ja, klar. Vor allem aber das, was vor der eigenen Haustür geschieht, was unmittelbar berührt. Schön, dass wir ständig Tipps von Lesern bekommen: Schreibt doch mal über dies, packt doch mal das an. Nicht alle Vorschläge münden in Geschichten, aber eine Menge. - Beispiele: Hans-Albert Krämer aus Trier will wissen, was es mit der Steuer erklärung für Rentner auf sich hat. Der Artikel samt Hintergrund steht heute in der Zeitung. Michael Raber, Apotheker aus Trier, weist auf ein akutes Versorgungsproblem mit einem Leukämie-Präparat hin. Die Recherche läuft. Wolfgang Weckmann aus Alt rich regt an, häufiger über Fußball-Schiedsrichter zu berichten, die in den Kreisligen pfeifen. Unsere Sportreporter bereiten eine Serie vor. Bald im Blatt. Dr. Justinus Maria Calleen aus Wittlich macht darauf aufmerksam, dass das Bitburger Haus Beda eine Sammlung von Nazi-Kunst beherbergt. Wir kümmern uns. Und so weiter. Besten Dank, liebe Leser. Füttern Sie uns weiter mit Ideen. Herzliche Grüße! Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur E-Mail: forum@volksfreund.de Die Kolumnen im Internet: http://forum.blog.volksfreund.de