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Ferry Seidl aus Gusterath erkundigt sich: Was gibt\'s Neues zum Thema Anglizismen!? Ich interessiere mich sehr dafür. Lieber Ferry Seidl, der Zeitpunkt ist ideal, denn just in diesen Tagen haben wir die seltene Gelegenheit, ein spannendes Schauspiel zu beobachten - die Geburt eines Worts.

An dem Beispiel lässt sich hübsch zeigen, wie Neologismen entstehen und sich verbreiten. Früher hat das Jahre und Jahrzehnte gedauert, heute nur noch Stunden. Das Baby, das ich meine, heißt: Candystorm, sprich: Kän-di-stoohrm. Zusammengesetzt aus den englischen Vokabeln candy (Süßigkeit) und storm (Sturm). Es erblickte das Licht der Welt am 11.11. (kein Karnevalsscherz); sein Vater ist der Politiker Volker Beck. Eine künstliche Befruchtung in den unendlichen Weiten des digitalen Universums. Es passiert nicht oft, dass der Urheber eines neuen Begriffs namentlich zu identifizieren ist, und ebenso ungewöhnlich ist es, dass Niederkunft, erste Schreie und Krabbelversuche so lückenlos zu dokumentieren sind. Der Reihe nach: Die Partei Bündnis 90/Die Grünen kürte Anfang November ihr Spitzenpersonal für die Bundestagswahl: Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt triumphierten. Einige andere Kandidaten blitzten bei dem Basis-Entscheid ab, darunter mit desaströsem Resultat auch Claudia Roth, die Vorsitzende. Sie tauchte ab, sie schmollte, sie schwieg - und die Spekulationen schossen ins Kraut, ob sie wieder antreten und sich noch einmal um den Chefposten bewerben würde, der wenige Tage nach der Urwahl zu besetzen war. Derweil tobte im Internet ein Shitstorm. Wir erinnern uns: Shitstorm, sprich: Schitt-stoohrm, der "Anglizismus des Jahres 2011", umschreibt die massenhafte Empörung in sozialen Netzwerken, in Blogs, im Kurznachrichtendienst Twitter, in Online-Kommentaren. Vielfach aus nichtigem Anlass, anonym, hämisch, hetzend, aggressiv, beleidigend, giftend, geifernd, böse. Ein stinkender Sturm aus Scheiße (pardon, das ist die wörtliche Übersetzung). Die grünen Strategen sorgten sich, dass ihre Claudia vollends zerzaust und besudelt von dannen ziehen würde. Keine gute Werbung für die Partei. Wie aber die negative Stimmung drehen, die aus dem Netz auf die klassischen Medien übergriff? Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck, ein fleißiger Twitterer, fand die Lösung: Aus dem Shit storm musste ein, ja was eigentlich, werden: das Gegenteil! Bloß gab es dafür keinen Namen. Die Piraten reklamieren flausch für sich, eine Art digitale Streicheleinheit. Ein flausch storm also? Hmm. Beck brauchte ein anderes Kuschelkunstwort, irgendwas mit love vielleicht? Nein, lovestorm wäre zu platt. "Wie nennt man das Gegenteil eines Shitstorms?", fragte der Grüne am Abend des 11. November via Twitter seine 27 000 Follower (Menschen, die seine Mitteilungen abonniert haben). Und zwitscherte die Antwort wenig später selbst: "Candystorm für Claudia". Der PR-Trick funktionierte. Immer mehr Sympathisanten schickten Tweets (kurze Textnachrichten), munterten Roth auf, priesen sie, rühmten sie, herzten sie mit Nettigkeiten im Netz. Ein Sturm der Liebe und Begeisterung, jede Böe maximal 140 Zeichen stark. Am nächsten Tag verkündete die 57-Jährige in einer Pressekonferenz strahlend, dass alles gut sei und dass sie weitermache: "Besonders berührt, weil ich das auch nicht kannte bisher, hat mich ein Candystorm, in dem ich direkt aufgefordert werde, zu kandidieren." Ein paar Tage später, Parteitag in Hannover, die Delegierten bestätigten Claudia Roth im Amt - und überschütteten sie anschließend mit Bonbons. Klebrigen, nicht digitalen. Die zuckersüße Wortschöpfung Volker Becks hat sich derweil verselbstständigt, kursiert im Internet (aktuell ungefähr 63 500 Treffer bei Google), kommt in den Fernsehnachrichten vor, im Radio - und in Zeitungen wie dem Volksfreund. Freilich: Ein flüchtiger Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia ist nach kurzer Zeit gelöscht worden. Es gebe noch zu wenig Belege für die Alltagstauglichkeit des Candystorms, heißt es. Ob das denglische Baby je erwachsen wird und sich dauerhaft einen Platz im deutschen Wortschatz erobert? Oder ob es wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, nicht mehr als eine kleine Episode der Sprachgeschichte, eine Randnotiz im November zwanzigzwölf? Das entscheiden die Sprachnutzer. Wir alle. Herzliche Grüße! Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur E-Mail: forum@volksfreund.deDie Kolumnen im Internet: http://forum.blog.volksfreund.de