Fremde Federn

Wir laden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Dialog ein. Sagen Sie uns Ihre Meinung! Das Motto: Leser fragen - die Chefredaktion antwortet.

Ursula W. aus Trier schreibt: […] Sicher wird Ihnen mein Leserbrief in der Anlage anbei nicht behagen. Dennoch möchte ich Sie hiermit bitten, ihn im TV abzudrucken. […]

Der Online-Leser TRToni merkt an: […] Bin gespannt, wie lange diese Kommentare noch hier stehen, der TV sieht solche kritischen Kommentare, wenn es um eine bestimmte Partei geht [gemeint ist die SPD], nicht gerne. […]

Erwin L. aus Kanzem listet sämtliche Versäumnisse von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) auf und lobt die CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner […].

Liebe Frau W.,

lieber TRToni,

lieber Herr L.,

vielen Dank für Ihre Beiträge. Vorab erst einmal dies: Ob Sie Kritik äußern oder loben, ob Sie die Partei X, Y oder Z gut finden oder nicht, ob Sie die Meinung von Volksfreund-Reportern teilen oder genau das Gegenteil für richtig halten - es spielt keine Rolle bei der Frage, ob Ihr Leserbrief veröffentlicht wird oder nicht. Und es ist auch völlig unerheblich, ob Ihre Gedanken einem Redakteur dieser Zeitung gefallen oder nicht. Wie Sie wissen, ist der TV überparteilich und unabhängig. IHRE Meinung zählt, IHRE Meinung drucken wir und stellen sie online - solange sie nicht rechtswidrig oder, mit Verlaub, unsinnig ist.

Grundsätzlich also: größtmögliche Freiheit, egal, wen's trifft. Besondere Regeln gelten allerdings in Zeiten wie diesen, zwei Monate vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Leserbriefe zu Wahlthemen oder Kandidaten, in denen höchst einseitig polemisiert wird, sind tabu, sachliche Erörterungen, etwa zur Nürburgring-Affäre oder zum Fall Christoph Böhr, dagegen möglich.

Warum? Weil wir Kampagnen vermeiden und Politiker und Parteien erst gar nicht in Versuchung führen wollen, die Leserbriefspalten für Wahlwerbung zu missbrauchen. Etwa, indem sie unverdächtige Autoren beauftragen, doch mal in ihrem Sinne zur Feder zu greifen.

Gibt's nicht? Von wegen.

Ich unterstelle niemandem unlautere Absichten. Mitunter stutze ich jedoch ob der Wortwahl, wiederkehrender Textbausteine und Phrasen. Nanu, hat sich da wer abgesprochen?

Wenn sich mehrere Leserbriefschreiber identischen Vokabulars bedienen, riecht das nach Kampagne - und hat nichts mehr mit Meinungsvielfalt zu tun, sondern mit Werbung, und die gehört in den Anzeigenteil.

In Österreich sind vor einigen Jahren interne Schulungsunterlagen der konservativen Volkspartei (ÖVP) in die Öffentlichkeit gelangt. Das Papier, scherzhaft "Wahlkampf-Knigge" genannt, listet detailliert auf, wie fingierte Leserbriefe an Zeitungen und Kommentare in Internetforen abzufassen sind - mit dem Ziel, "Informationen bzw. Gerüchte zu streuen", einen Politiker anderer Couleur als "Faulpelz und Verhinderer darzustellen" oder durch "unsachliche und untergriffige" Einträge Stimmung zu machen. Schimpfwörter seien zu vermeiden ("sonst kommt die Zensur"), Tipp- und Rechtschreibfehler ("bitte im erträglichen Maß") könnten absichtlich eingestreut werden. Die ÖVP soll Praktikanten für das Schreiben von Leserbriefen bezahlt haben.

Na gut, Österreich. Was tut sich hierzulande? Die FDP rät ihren Anhängern auf der Seite www.fdp-bundespartei.de: "Verbreiten Sie Argumente der Freiheit in der Presse. Schreiben Sie Leserbriefe an Ihre Zeitung." Im "Wahlkampfhandbuch 2005" heißt es: "Eine interessante Möglichkeit, liberale Ansichten und Vorstellungen in die Presse zu tragen, sind Leserbriefe. Gezielt eingesetzt, sind Leserbriefe eine Form effektiver Pressearbeit." Guter Versuch, aber genau das wollen wir vermeiden!Leserbriefe sind kein Vehikel für Werbekampagnen.

Alle Parteien, alle Politiker werfen in Wahlkämpfen ihre Netze aus. Sie lassen Werbefilmchen drehen, die im Internet auf YouTube eingestellt werden, sie bloggen und twittern um die Wette (oder lassen bloggen und twittern), sie sammeln "Freunde" in Facebook (oder lassen sammeln).

Der Fantasie der Wahlkampf-Manager sind kaum Grenzen gesetzt. Die CDU etwa schrieb vor der Bundestagswahl 2009 einen Wettbewerb aus. Mitglieder des "teAM Deutschland" (AM = Angela Merkel) sollten Punkte für einen "Aktionsindex" sammeln. Wer einen Leserbrief schrieb, bekam 200 Punkte, für einen Twitter-Beitrag gab's 50 Punkte, für jeden neuen "Freund" in sozialen Netzwerken einen Punkt. Der Preis für die fleißigsten Werber: eine Einladung zur Wahlparty nach Berlin.

Die Beispiele zeigen: Mit verdeckten Parteikampagnen ist jederzeit zu rechnen, und die Leserbriefspalten sind ein potenzielles Ziel. Im Zweifel verzichten wir daher vor der Wahl auf den Abdruck von Zuschriften, die allzu einseitig daherkommen - egal ob die Parteibrille des Autors schwarz, rot, grün, gelb oder wie auch immer gefärbt ist.



Herzliche Grüße!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

P.S.: Wahlkämpfe gab es schon im alten Rom, wie der Historiker Karl-Wilhelm Weeber berichtet. Von Quintus, einem Bruder des berühmten Redners und Politikers Cicero, ist eine Art Handbuch überliefert. Darin rät er Wahlkämpfern, viele Hände zu schütteln, sich selbst zu preisen und ansonsten ruhig allen alles in Aussicht zu stellen, aber inhaltlich vage zu bleiben und sich bloß nicht festzulegen …

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