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Gesellschaft: Gebt den Hetzern keine Bühne!

Gesellschaft : Gebt den Hetzern keine Bühne!

Zum Artikel „Angriff vermutlich versuchter Mord aus Judenhass“ (TV vom 6. Oktober) schreibt Ernst Geilenkirchen:

Wieder ist es zu einer antisemitischen Attacke gekommen, diesmal auf einen jüdischen Studenten in Hamburg, ziemlich genau ein Jahr nachdem in Halle bei einem Angriff auf eine Synagoge zwei Menschen getötet wurden. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 1200 antisemitische Vorfälle bei uns angezeigt. Die Anzahl amtlich registrierter Straftaten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen hat sich seit 2017 verdoppelt. Wie kann es in Deutschland, im Land der Täter, wo die Scham das Verhältnis zum Judentum prägen sollte, immer wieder zu derartigen Angriffen kommen? Entsetzen, Trauer, Betroffenheit, solche Gefühle werden schablonenhaft nach diesen Taten geäußert. Offensichtlich reicht das nicht. Wie kann sich Antisemitismus so ausbreiten in einem Land, in dem nur noch wenige Juden leben? Die Juden sind wohl nur eine Projektion für die Vorstellung von Leuten, die glauben, die Welt würde gelenkt von Strippenziehern, von einer geheimnisvollen Elite. Tatsächlich lassen Ereignisse der letzten Jahre uns ratlos zurück, denn Lösungen und rationale Erklärungen sind oft nicht zu erkennen: Klimakatastrophe, Artensterben, Armutswanderungen und Flüchtlingscamps, Syrienkrieg und Zusammenbruch Libyens, die Pandemie und Donald Trump, der zugleich ein Beispiel dafür ist, welche Folgen plumpe Hassbotschaften haben können. Viele Verschwörungstheoretiker, von denen einige ja auch bei den Anti-Corona-Aktionen eine Rolle spielen, bieten einfache Erklärungen und finden damit Zulauf. Die steigende wirtschaftliche Verunsicherung und ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem scheinbar chaotischen Weltgeschehen lassen viele Menschen nach Sündenböcken suchen: die Juden, die Muslime, die Fremden. Hinzu kommen Leute von der AfD oder Corona-Leugner, die den Bürgern klarmachen wollen, dass wir von einer kleinen, aber mächtigen Gruppe an der Nase herumgeführt werden. Da muss man sich nicht wundern, wenn solche absurden Gedanken irgendwann zu Taten führen, mit denen „die Welt gerettet werden soll“, durch Menschen, die sich als Rebell fühlen. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass die Juden ihre Religion nur unter Polizeischutz ausüben dürfen, dass jüdische Kindergärten und Schulen bewacht werden müssen und sie einen Alltag weit ab von der Normalität haben. Es ist auch unerträglich, wenn ein Politiker wie der CDU-Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht, darauf hinweist, dass die Arbeitsstunden, die für den Schutz von Synagogen anfallen, an anderer Stelle für die Polizeiarbeit fehlen. Ein Landesinnenminister, der unterstellt, Juden seien schuld daran, wenn die Polizei ihre Aufgaben für die übrige Bevölkerung vernachlässige, ein Mann, der so unsensibel mit diesem Thema umgeht, kann keinen Ministerposten innehaben. Ich will diesem Mann keinen Judenhass unterstellen, aber es ist diese Art von Gedankenlosigkeit im Umgang mit Minderheiten, die nicht hingenommen werden darf. Erst recht muss Leuten wie Björn Höcke und dem Corona-Leugner Attila Hildmann klar werden, dass ihr offener oder versteckter Antisemitismus bei uns nur Wut und Abscheu erzeugen; ihnen darf keine Bühne gegeben werden.

Ernst Geilenkirchen, Kelberg