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Medizin
Gefährlich und unsinnig

Zur Berichterstattung über die Digitalisierung in der Medizin schreibt Dr. Norbert Herrmann:

Das „e-Health“ oder Telematik-Infrastruktur-Gesetz (TI-Gesetz) zwingt alle Arzt-, Psychotherapie- und Zahnarztpraxen dazu, sich bis zum 31. Dezember untereinander und mit Krankenhäusern, Versicherungen und Behörden digital zu vernetzen. Unter Androhung von hohen Geldstrafen muss jede Praxis eine permanent aktive Schnittstelle zwischen Praxisdaten und Internet installieren: den Konnektor. Über diesen Konnektor werden die Daten abgegriffen und zentral gespeichert.

Die Installationskosten werden von den Krankenversicherungsbeiträgen, das heißt von den Patienten bezahlt. Die Hauptprofiteure des TI-Gesetzes sind die Konzerne, die den Konnektor installieren. Diese Konzerne besitzen eine große Lobby bei der jetzigen Regierung. Gesundheitsministerium, kassenärztliche Vereinigung, Versicherungen, Pharma- und EDV-Industrie versprechen uns durch die TI Datensicherheit und eine effizientere medizinische Versorgung. Derartige Infrastrukturen ermöglichen aber erst recht den millionenfachen Diebstahl von Patientenakten, wie kürzlich in Norwegen, Singapur und den USA geschehen. Eine zentrale Datenspeicherung (Cloud) und eine unübersichtliche Vernetzung seiner Daten haben aber noch nie einen Patienten geheilt. Die TI ist der entscheidende und irreversible Schritt in Richtung gläserner Patient und Fremdkontrolle der Praxen. Bislang sind die meisten Praxiscomputersysteme geschlossene Systeme, die aus Datenschutzgründen keine Internetverbindung haben. Durch diese Konnektoren wird quasi eine Tür geschaffen, die zwar gesichert sein soll, doch bislang wurden alle Systeme gehackt.

Die großen Konzerne wie Google und Amazon sind bereits dabei, sich in das Gesundheitswesen einzukaufen, sie haben großes Interesse an Gesundheitsdaten.

 Konkret könnte dies bedeuten, wenn ein Patient, der als Jugendlicher an einer Depression behandelt wurde und 15 Jahre später eine Lebensversicherung abschließen möchte, deutlich höhere Beiträge zahlen muss, auch wenn die Erkrankung seit langem ausgeheilt und vergessen ist.

Digitale Daten bleiben ewig erhalten, und dies ist bei Gesundheitsdaten in keiner Weise mit den Datenschutzvorgaben zu vereinbaren. Auch gilt es zu bedenken, was passiert, wenn diktatorische Regierungen Zugriff auf alle Gesundheitsdaten der Bevölkerung erlangen können.

 Nur eine geschützte, dezentrale und nicht vernetzte Datenspeicherung ist die einzig sichere Option. Die Digitalisierung dient als Zauberwort für mehr Effizienz in der Gesundheitsversorgung. Tatsache ist aber, dass wir Ärzte noch weniger Zeit für die Patienten haben, da noch mehr dokumentiert werden muss, wir noch mehr Geld und Zeit in Hard- und Software für Computer investieren müssen, nur mit dem Ziel, letztlich die Daten für Versicherungen und Behörden zu liefern.

Die Kosten für diese gefährliche und unsinnige Telematikinfrastruktur wären in der Ausbildung von genügend Ärzten und Krankenpflegern wesentlich sinnvoller investiert. Viele Ärzte lehnen zum Glück die Anbindung an die Telematik trotz finanzieller Verluste zum Schutz der Patientendaten ab.

Als Patient können Sie Ihre Krankenkasse und Ihre Politiker ansprechen, dass Sie die zentrale Speicherung Ihrer Daten über das TI-Gesetz ablehnen und auch die jetzige elektronische Gesundheitskarte daher ablehnen.

Dr. Norbert Herrmann, Dermatologe, Trier