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Bildung: Gefährliche Schieflage

Bildung : Gefährliche Schieflage

Zu den Artikeln „Gymnasiallehrer fordern: Abitur muss anspruchsvoller werden“ und „Wird das Abitur geschenkt?“ (TV vom 10. Januar) schreibt Horst Becker:

Als Ausweis der Effizienz des deutschen Schulsystems werden alljährlich die Steigerungen der Abiturientenquoten, also der Anteil der Hochschulzugangsberechtigten an einem Geburtsjahrgang, präsentiert. Und die haben es in der Tat in sich: Von gerade einmal fünf Prozent im Jahr 1950 auf 37,2 Prozent im Jahr 2000 sind sie – laut Statistischem Bundesamt – bis 2015 auf 53 Prozent angewachsen, Tendenz steigend. Damit aber nicht genug: Auch die Gesamtdurchschnittsnoten haben sich verbessert, in vielen Bundesländern liegen sie mittlerweile bei 2,1. Viele Schüler machen ihr „Abi“ mit der Traumnote 1,0, eine Zwei ist gängig, eine Drei gibt es kaum noch.

 Was ist passiert? Sind unsere jungen Leute alle intelligenter geworden? Liegt es an der besseren Ernährung? Haben sich die Lehrmethoden so stark verbessert? Das Gymnasium ist längst zur Hauptschule der Nation geworden, frei nach dem abgewandelten Zuckmayer’schen Motto: Der Mensch beginnt erst beim Abitur! Aber ganz allmählich stellt sich ein gesellschaftlicher Katzenjammer ein: Die Universitäten klagen darüber, dass die Studienanfänger nicht über die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen, ein Studium aufzunehmen, die Zahl der Studienabbrecher nimmt besorgniserregende Ausmaße an, die Wirtschaft und das Handwerk klagen über Mangel an Facharbeitern und  qualifizierten Auszubildenden. Und dennoch nimmt die Geringschätzung der nichtakademischen Bildung zu, das duale Ausbildungssystem, einst ein Aushängeschild des deutschen Schul- und Bildungswesens, hat längst seinen Glanz verloren. Es ist eine gefährliche Schieflage entstanden, die – wie der langjährige Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, es ausdrückt – die Bildungsnation Deutschland „an die Wand fährt“. Verantwortlich für diese Misere sind in erster Linie zwei Faktoren: Da ist zum einen die Bildungspolitik der 16 Bundesländer, die um das Goldene Kalb der Akademisierung herumtanzen, angeführt von völlig fachfremden Ministern, die nie in ihrem Leben vor einer Klasse gestanden haben, dafür aber besonders juristisch, ein wenig sozialwissenschaftlich und in erster Linie parteipolitisch geschult sind. Unter den Schlagworten Gerechtigkeit und Gleichheit wird Bildungspolitik mit Sozialpolitik verwechselt, die Abiturientenquote gilt ihr als Ausweis eines erfolgreichen Tuns, mit dem man sich vor dem Wahlvolk meint brüsten zu können. Zum anderen ist es die unselige Rolle der sogenannten Erziehungswissenschaftler, die Lehrer und Eltern völlig verunsichert und schulische Wolkenkuckucksheime errichtet haben, in denen in völliger Verkennung der gesellschaftlichen Realitäten Spaß und Teamfähigkeit vor der dringend notwendigen Förderung von Leistungsbereitschaft und dem damit einhergehenden Erwerb von Kenntnissen und Fachwissen gestellt werden. Wohl gemerkt: Diese Entwicklungen betreffen nicht nur das Gymnasium, sondern alle sonst (noch) bestehenden Schularten im Sekundarbereich und vor allem die Grundschulen.

Wie man auf dieser Grundlage den Herausforderungen der vielzitierten Digitalisierung unserer Zukunft gerecht werden will, scheint mir ein schier unlösbares Rätsel.

Horst Becker, Arzfeld