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Leserbriefe
Gefährliches Abdriften in den Nationalismus

Zum Holocaust-Gesetz in Polen (TV vom 7. Februar) schreibt Erwin Lutz:

Ein neues polnisches Gesetz stellt alles unter Strafe, was Polen und polnische Kollaborateure in Verbindung zu Nazi-Deutschland stellen könnte. Sicher gab es in Polen Kollaboration, wenn auch nicht in dem Umfang und mit den Auswirkungen wie zum Beispiel bei der Vichy-Regierung in Frankreich. Eines aber steht fest: Aus der Erfahrung meiner Familie mit polnischem Handeln deutschen Kriegsgefangenen gegenüber ist ein solches Gesetz eher ein Grund, die polnische Mitgliedschaft in der EU abzulehnen.

Mein Vater, geboren 1910, geriet beim Rückzug der Wehrmacht 1944 bei Lublin in polnische Kriegsgefangenschaft. Er schrieb am 28. März 1944, am 5. Januar 1946, am 5. Mai 1946 bei guter Gesundheit aus dem Kriegsgefangenenlager Lublin/Polen, Ulica Kollotaja 3 (Woientorch), zum Teil über das polnische Rote Kreuz. Weitere überprüfte Nachrichten kamen von entlassenen Mitgefangenen. Die nächste bestätigte Nachricht kam 1952 aus dem ehemaligen deutschen Zentralgefängnis Goleniów bei Stettin von einem entlassenen Mithäftling (mein Vater und Herr Eisele kannten sich schon aus dem Lubliner Gefangenenlager). Herr Eisele wurde aus diesem Gefängnis entlassen und berichtete über schlimme Haftbedingungen. Der aktuelle Gesundheitszustand meines Vaters sei sehr schlecht. Nachsuchen durch den polnischen Kardinal Wyszynski, eine polnische Anwaltskanzlei in Stettin und private Ermittlungen blieben ergebnislos.

Russland hat längst seine Archive geöffnet, eine Reihe Gefangenenschicksale aufgeklärt. Und Polen, ein sozialistischer Staat mit den üblichen Überwachungspsychosen und Kontrollsystemen ähnlich den sowjetischen, schottet sich total ab?! Trotz der schlimmen Vorkommnisse werde ich keinen Polen verachten, aber ich verachte die neue Bewegung der aktuellen polnischen Duda-/Jaroslaw-Kaczynski-Regierung in den Nationalismus. Das sollten wir Europäer Polen nicht zugestehen.

Erwin Lutz, Kanzem