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Gesellschaft: Genauer hinschauen, aufeinander achtgeben

Gesellschaft : Genauer hinschauen, aufeinander achtgeben

Zum Interview mit dem Soziologen Jörn Ahrens unter der Überschrift „,Darum nennen wir solche Taten unfassbar’“ (TV vom 5./6. Dezember) schreibt Petra Gottwald:

Jörn Ahrens bezeichnet die Frage danach, wie die Amokfahrt in Trier hätte verhindert werden können, als wichtig, aber auch als müßig. Es könne niemals absolute Sicherheit geben, höchstens um den Preis eines repressiven Staates und/oder eines weitreichenden sozialen Monitorings, also der wechselseitigen Beobachtung von Bürgern untereinander.

Absolute Sicherheit kann es in der Tat nicht geben. Wohl aber gibt es jenseits eines repressiven Staates, einer gegenseitigen Bespitzelung et cetera Möglichkeiten, potenzielle Gewalttäter zu identifizieren und gegebenenfalls an der Ausführung ihrer Taten zu hindern: durch mitmenschliches Aufeinander-Achtgeben.

Die wenigen wissenschaftlichen Interviews mit noch lebenden Amoktätern sowie die Sichtung von Aufzeichnungen zu Tode gekommener Täter belegen, dass solche Taten nur sehr selten spontan geschehen. Meist „brodelt“ es jahrelang in einem Menschen, bevor dessen (Rache-)Phantasien in die Tat umgesetzt werden. Und auf dem langen Weg dahin gibt es zumeist durchaus Warnzeichen, die von seiner Umwelt gesehen werden könnten. Von Nachbarn, die hören und sehen, dass ein Kind schlecht behandelt wird. Von Lehrkräften, die mitbekommen, wie Schüler sich verändern. Von Nutzern der sozialen Netzwerke, die seltsame und bedrohliche Äußerungen anderer Nutzer lesen. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen. Letztlich geht es um uns alle. Weil niemand jemand anderen zu Unrecht beschuldigen will, tun wir uns sehr schwer damit, auf wahrgenommene Missstände zu reagieren. Wie oft denkt man im Nachhinein „Da hätte ich etwas sagen sollen!“? Hier sollte ein Umdenken stattfinden.

Schauen wir genauer hin, wenn uns etwas über längere Zeit hinweg stutzig macht. Tauschen wir uns mit anderen aus, ob sie dies ähnlich wahrnehmen. Und sprechen wir an, was wir sehen und uns ein ungutes Gefühl verursacht. Am besten natürlich zunächst bei den Betreffenden selbst und, wenn das nicht möglich ist oder fehlschlägt, bei Behörden oder Institutionen.

Vermutlich kommt es dann hin und wieder zu Fehleinschätzungen und unangenehmen Situationen. Aber wenn dadurch ein Amoklauf verhindert wird, ein Kind nicht verhungert oder jemand am Suizid gehindert wird, sollte es dies wert sein.

Petra Gottwald, Trier