Geschichte

Zum Leserbrief "Geistige Gefangenschaft" (TV vom 6. Mai) und zur Diskussion um die Versöhnungsgeste der KZ-Überlebenden Eva Kor im aktuellen Lüneburger Auschwitz-Prozess:

Wir kommt Frank Weiland dazu, sich anzumaßen, in dieser Weise über das Judentum und jüdische Menschen, die den Holocaust erlitten und überlebt haben, zu urteilen? Er hat scheinbar nicht die mindeste Ahnung von der Spiritualität des Judentums, denn dann könnte er nicht schreiben, "dass die Juden eine Religion mit nur geringer Spiritualität besitzen". Dann wüsste er um die großartige Gebets- und Liedkultur, den eindrucksvollen Umgang mit den Festtagen, mit dem Shabbat und vor allem die Ehrerbietung, die im Judentum dem Wort Gottes entgegengebracht wird. Das Judentum ist keine "religiöse Volksgemeinschaft" im üblichen Sinn, sondern die Wurzel unseres christlichen Glaubens und auch des Islams. Der Anspruch, "das einzige, von Gott auserwählte Volk" zu sein, gehört längst der Vergangenheit an. Auch Christen haben das jahrhundertelang für sich in Anspruch genommen. Und Herr Weiland tut heute genau das Gleiche, wenn er sich anmaßt, den Juden zu sagen, "was der einzige Weg für sie ist, die ewig gesuchte Gottverbindung zu erhalten". Hat er jemals mit Menschen gesprochen, die die Shoah erlebt und erlitten haben? Weiß er, wie den Menschen zumute ist, die auf grausamste Weise alle ihre Liebsten verloren haben? Kennt er die nächtliche Pein dieser Menschen, die sie ein Leben lang verfolgt? Weiß er um die "Schuldzuweisungen", die sich Überlebende machen, allein deshalb, weil sie überlebt haben? Ich weiß um all diese Dinge, da ich viele Jahre in jüdisch-christlichen Begegnungsprogrammen gearbeitet habe. Ich kenne auch die ungeheuren Anstrengungen vieler jüdischer Menschen, zu vergeben - oder auch nicht vergeben zu können. Beide müssen wir zu verstehen suchen. Nur in gegenseitigem Respekt, in Verständnis und Toleranz finden wir den Weg zu einem friedvollen Miteinander in dieser Welt! Gisela Lohmüller, Trier