Gesellschaft

Zu den neuerlichen Protesten der "Wutbürger" gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21:

Meinung

Schlagschatten im Schlafzimmer
Und nun geht es wieder los. Allabendlich die Bilder von den Stuttgarter "Wutbürgern", die sich lächelnd von Polizisten wegtragen lassen. Und worum geht es? Um größere bauliche Veränderungen im Stadtbild, über deren ästhetische Qualität man wie üblich trefflich streiten kann. Um Baulärm und Staub für viele Jahre. Um Veränderungen des liebgewordenen Althergebrachten. Nun ja, es wird vielleicht für ein paar Jahre nicht so gemütlich sein in Stuttgart. Aber wo bleiben eigentlich die Proportionen? Fragt man sich nicht gelegentlich in Stuttgart, wie es in dem Rest der Republik aussieht? Hat man kein Verständnis für die Ulmer und die Osteuropäer, die auch gern an das Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen wären? Fragt man sich nicht auch, ob das Stuttgarter Beispiel Schule machen kann, und es dann wirklich für Deutschland kritisch wird? Ich lebe im Hunsrück oberhalb des Moseltals in einer wunderschönen Landschaft. Bei uns beginnen jetzt die Planungen für eine großflächige Nutzung der Landschaft für die Energieerzeugung, die die Atomkraft ersetzen soll. In einem noch nie dagewesenen Ausmaß wird unser Landschaftsbild jetzt verändert werden durch den Aufbau von Windkraftanlagen, Talsperren und Überlandleitungen. Auch wir werden unter Baulärm und Straßensperren leiden müssen. Und es kann noch schlimmer kommen, wenn die durch die großen Maschinen erzeugten Windgeräusche und Schlagschatten in unsere Wohn- und Schlafzimmer eindringen. Und was sollen wir nun tun? Sollen wir jetzt ein "Hunsrück 11"- oder "Eifel 31"-Projekt auflegen, mit Sitzblockaden auf den Zufahrten zu den Baustellen, mit Zerstörung der Bauzäune, mit dem ganzen Firlefanz, der nun schon jahrelang von den Stuttgarter Wutbürgern betrieben wird? Aber vielleicht können wir es sogar noch besser machen. Wenn man auch Gewalt gegen Sachen für tolerabel hält, dann können wir ja ein paar von den Windmühlen ohne große Schwierigkeit einfach umlegen. Dann wäre der ganze Spuk bald vorbei, und es gäbe überhaupt keinen Strom mehr in Deutschland. Damit wäre dann endlich auch Stuttgart 21 erledigt. Denn merke: "Wo kein Strom ist, fährt auch keine Bahn!" Dr. Nikolaus Garbers, Gornhausen