Gesellschaft

Zum Artikel "Blick in den Abgrund" über eine Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche (TV vom 28. Juni):

Noch haben die verantwortlichen Kirchenmänner nicht wirklich in ihre Abgründe geschaut, und der Bericht lässt kaum hoffen, dass dazu die Bereitschaft und Fähigkeit besteht. Es gab ein Desinteresse der Kirche, genau hinzuschauen, heißt es in dem Artikel. Das kann nicht ganz stimmen, denn Vertuschen und Versetzen von Tätern setzt voraus, dass Bistumsleitungen etwas gesehen oder erfahren haben. Die neue Untersuchung soll die Erkenntnisse über begünstigende Strukturen fördern und kein "Diözesen-Bashing" sein, heißt es. Hoffentlich kommt aber in den Blick, dass es ein Strafvereitelungsnetz zwischen den Bistümern gegeben hat, wenn priesterliche Täter einfach in andere Bistümer oder gar Länder versetzt wurden - was sicher nicht geschah, ohne den Ortsbischof über die Verdächtigungen, Vorkommnisse oder Straftatbestände in Kenntnis zu setzen. Dass keine Akten vernichtet wurden, stimmt nicht. Dem wurde nicht erst im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Bearbeitung durch das kriminologische Institut von Prof. Pfeiffer widersprochen. Laut der 2010 vorgestellten Auftragsstudie der Anwaltskanzlei Westphal/Spilker/Wastl gab es im Bistum München-Freising umfangreiche Aktenvernichtungen zum Zwecke systematischen Vertuschens. Warum München und andere Diözesen mit wiederholten Vertuschungsskandalen wie Regensburg und Würzburg in der Studie nicht vorkommen (sollten), liegt für die Betroffenen auf der Hand: Das belegbare Wissen um die Mittäterschaft auch der Bischöfe, Generalvikare und Kardinäle soll eben nicht erbracht werden. Aufzuklären wäre, warum das Kirchenrecht all die Jahre keine Anwendung fand, das sonst in jedem Fall einer Ehescheidung greift. Die offenbar gewordene mangelhafte Aufarbeitung des jüngsten Falles im Bistum Trier lässt daran zweifeln, dass der andauernde Skandal eine echte Läuterung bei der Kirchenleitung bewirkt hat. Jutta Lehnert, Waldesch