Gesellschaft

Zur Berichterstattung über sexuellen Missbrauch - insbesondere in den Kirchen - und die Folgen diese Zuschrift:

Als Chefarzt einer psychosomatischen Rehabilitationsklinik, Facharzt für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie habe ich lange gezögert, einen Leserbrief zu schreiben. Schnell gerät man bei diesem Thema in den Verdacht, vorschnell eine emotionalisierte Meinung kundzutun. Mein Anliegen ist es, auf die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs und therapeutische Notwendigkeiten hinzuweisen. Sicher ist: Sexuellen Missbrauch hat es schon immer gegeben. Das, was lange tabuisiert wurde, kommt jetzt, auch ausgelöst durch Vorfälle in den Volkskirchen beider Konfessionen, ans Tageslicht. Damit wird ein Prozess der Enttabuisierung in Gang gesetzt, der notwendig ist im Hinblick auf Veränderungen. Als Therapeuten stellen wir sehr klar und eindeutig fest, dass die psychischen Narben sexuellen Missbrauchs, in Abhängigkeit von der Dauer und des Entwicklungszeitpunktes, schwerwiegend und nachhaltig sind. Kinder können in der Regel das, was mit ihnen geschieht, insbesondere wenn der Täter ein Angehöriger ist, nicht einordnen, haben aber immer ein feines Gespür dafür, dass mit ihnen etwas geschieht, das nicht richtig ist. Diese traumatischen Erlebnisse werden in Ermangelung der Möglichkeit, sich als Kind zu wehren, häufig verdrängt. Sie führen in vielen Fällen dazu, dass sich in Folge der anhaltenden, verdrängten Traumatisierung chronische Depressionen, Ängste oder Persönlichkeitsstörungen entwickeln. Die Behandlung von Opfern sexuellen Missbrauchs setzt sehr viel klinische Erfahrung voraus und braucht Zeit und Geduld. Therapieverläufe von zwei bis drei Jahren sind keine Seltenheit. Voraussetzung dafür ist, dass es genügend Therapeuten gibt, die auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten erhalten, ausreichend lang zu behandeln. In TV war davon die Rede, dass die katholische Kirche den Betroffenen durchschnittlich 5000 Euro gezahlt hat. Davon abgesehen, dass man psychische Traumata nicht mit Geld heilen kann, muss darauf hingewiesen werden, dass die gezahlte Entschädigung nicht annähernd reichen würde, eine Therapie zu finanzieren. Anders formuliert: Wenn man eine finanzielle Entschädigung in Erwägung zieht, sollte diese sich an den Kosten einer ambulanten, in schweren Fällen stationären Therapie ausrichten. Viel sinnvoller aber wäre es, Behandlungszentren einzurichten oder zu unterstützen, die auf die Behandlung dieser Traumata spezialisiert sind. Dr. med. Michael Rolffs, Daun