Gesellschaft

Zu den Artikeln "Homosexualität als Thema im Unterricht" und "Stalin-Kalender der orthodoxen Kirche sorgt für Empörung" (TV vom 11. Jan.):

Zwei kleine Artikel auf Seite vier und auf Seite 32 der Zeitung, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Aber eben nur scheinbar: Eine große Übereinstimmung der russisch-orthodoxen Kirche mit Stalin ist nämlich die Schwulenfeindlichkeit. Stalin ließ 1933, in den ersten Jahren seiner Diktatur, die Homosexualität wieder verbieten, und die orthodoxe Kirche fordert heute ein neues Verbot. Sicher, Stalin verfolgte nicht nur die Schwulen, sondern auch die orthodoxe Kirche, besonders am Anfang seiner Diktatur, als es darum ging, seine erschlichene Herrschaft zu sichern; damals überzog er die gesamte Sowjetunion einschließlich der Roten Armee und der Kommunistischen Partei mit Terror. Mit der orthodoxen Kirche aber schloss er im "Großen Vaterländischen Krieg" Frieden, als es im von Wehrmacht und SS entfesselten Vernichtungskrieg für alle in der Sowjetunion ums Überleben ging. Das hat ihm die Kirche nicht vergessen. Auch seine Vorliebe für das Traditionelle und Volkstümliche und seine Ablehnung moderner Kunst und Kultur, mit der er den großen kulturellen und künstlerischen Aufbruch nach der Oktoberrevolution erstickte, fand die Zustimmung der Kirche, ebenso sein bei Gelegenheit sich immer wieder einmal zeigender Antisemitismus. Heute ist die russisch-orthodoxe Kirche fast wieder so reich und mächtig wie zur Zarenzeit. Unter der Herrschaft des bürgerlichen Nationalisten Putin droht Russland wieder zu einem Bollwerk der Reaktion zu werden wie vor 1917, wozu selbstverständlich sowohl Schwulenfeindlichkeit als auch Antisemitismus gehören. Was bedeutet das für die Olympischen Winterspiele in Sotschi? Boykottieren oder hinfahren? Für beides gibt es Argumente. Wer, ob als Sportler oder Zuschauer an den Spielen teilnimmt, sollte die Gelegenheit zu fantasievollen Protestaktionen nutzen, auf dass Putin und seinen Patriarchen und Metropoliten das Gebiss aus dem Gesicht fällt. Robert Seidenath, Gusterath