Gesundheit

Zum Artikel "Pharma-Sponsoring zum Wohle der Patienten?" (TV vom 27. Juli):

Der Kritik der Krankenkassen, dass es keine gesetzliche Veröffentlichungspflicht für Zahlungen gibt, möchte ich mich anschließen: Ich fordere ab sofort das Offenlegen der Zahlungen, die die Krankenkassen im Rahmen von "Verträgen" mit der Pharmaindustrie bekommen. Es ist ein Unding, dass diese Zahlen selbst für den Versicherten einer Krankenkasse nicht zugänglich sind! Jeder kann sich nur über die Gesamtsumme der Zahlungen von 3,6 Milliarden Euro, verteilt auf 123 Krankenkassen und 152 pharmazeutische Unternehmer, informieren, die Verteilung bleibt geheim. Niemand bekommt auf Nachfrage bei seiner Kasse eine konkrete Aussage, welche Summe für sein Arzneimittel fließt. Dabei ist mit der Zahlung nicht nur eine "Beeinflussung", sondern ein direkter Zwang der Auswahl beim Arzt und in der Apotheke verbunden. 2015 wurden 742 Millionen verschreibungspflichtige Arzneimittel abgegeben. 21 100 Rabatt-Verträge gelten dafür. Pro Packung bekommt die Krankenkasse neben der Rezeptgebühr von fünf bis zehn Euro einen gesetzlich festgelegten "Rabatt" von 1,77 Euro von der Apotheke (Arzneimittelpreisverordnung), dazu die o.g. Rabattzahlungen seitens der pharmazeutischen Industrie. Das läppert sich ganz schön. Wer zu Recht Offenheit bei anderen fordert, mag gerne diese Maßstäbe auch bei sich gelten lassen. Mir persönlich ist es jedenfalls sehr suspekt, dass die Zahlungen der Pharmaindustrie an die Krankenkassen geheim sein dürfen; ein Schelm, der Böses dabei denkt. Ute Simon, Stadtkyll-Schönfeld Die gesetzlichen Krankenkassen zeigen sich besorgt darüber, dass eine Beeinflussung von Ärzten durch die Zuwendungen der Pharmaindustrie nicht ausgeschlossen werden kann. Ganz unabhängig davon, wie die Tatsache zu bewerten ist, dass Ärzte und Einrichtungen des Gesundheitswesens von Arzneimittelherstellern zum Teil gesponsert werden, sollte auch das Verhalten der Kassen kritisch betrachtet werden. Denn eine Krankenkasse hat kürzlich auf sich aufmerksam gemacht, indem sie gemeinsam mit einem pharmazeutischen Unternehmen ein neu zugelassenes Präparat beworben hat. Dies erfolgte laut Bericht des arznei-telegramms mit Hilfe eines Rundschreibens, welches an rund 50 000 niedergelassene Ärzte verschickt wurde. Hintergrund ist, dass die betreffende gesetzliche Krankenkasse einen Rabattvertrag mit dem Hersteller des Arzneimittels abgeschlossen hat, der dazu dient, die Kosten für die Kasse möglichst gering zu halten und dem Unternehmer möglichst gute Umsatzzahlen zu bescheren. Die Tatsache, dass eine Empfehlung eines so neuen Medikamentes mit Vorsicht ausgesprochen werden muss, soll hier außer Acht gelassen werden. Es ist ein Skandal, dass sich eine Krankenkasse derart mit einem Pharmaunternehmen zusammentut und selbst an der Beeinflussung der Heilberufler mitwirkt. Und generell darf nicht vergessen werden, dass die enge Zusammenarbeit zwischen gesetzlichen Krankenversicherungen und Arzneimittelherstellern beim Abschluss von Rabattverträgen, die mit Sicherheit nicht dem Patientenwohl dienen, alles andere als transparent ist. Und noch eine weitere Aktivität einiger Krankenkassen darf nicht unerwähnt bleiben: So wurde eine bundesweite Ausschreibung für die Herstellung von patientenindividueller Chemotherapie initiiert. Warum regt sich darüber außerhalb der Fachkreise niemand auf? Eine solche Ausschreibung hat die Konsequenz, dass Krebspatienten möglicherweise nicht mehr von der Apotheke mit den lebenswichtigen Medikamenten versorgt werden, die in räumlicher Nähe liegt und auch sonst beratend zur Seite stehen kann, sondern von einer Stelle, die den geringsten Preis geboten hat. Diese Information scheint die Patienten nicht zu erreichen und wäre es doch mindestens genauso wert, diskutiert zu werden wie das Sponsoring durch die Arzneimittelhersteller im Gesundheitssystem. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Besorgnis der Krankenkassen um eine Beeinflussung der Ärzte durch die pharmazeutische Industrie doch etwas anders dar. Meta Willecke, Trier

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