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Soziales: Grenzen der Flexibilität

Soziales : Grenzen der Flexibilität

Zum Kommentar „Erfassungsbeschluss kaum zu fassen“ (TV vom 15. Mai) und zum EU-Urteil zur Arbeitszeiterfassung schreibt Bernd Libeaux:

Warum so negativ, Fatima Abbas? Ist dieses Urteil wirklich schlecht gemacht? Und wieso denken Sie, dass dieses Urteil flexible Arbeit unmöglich macht? Es gibt aber eben nicht nur die Branchen, in denen man sich mal eben um drei Uhr entschließen kann, sein Kind in der Kita abzuholen und dann abends mal etwas Home Office zu machen, um das auszugleichen.

Die Krankenschwester, der Assistenzarzt im Krankenhaus würden das vielleicht gerne tun, aber die Arbeitsorganisation in einem Krankenhaus lässt das schlicht nicht zu. Trotzdem wollen und brauchen auch diese Arbeitnehmer die Möglichkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Das geht aber auf solchen Arbeitsplätzen nur mit verlässlichen Dienstplänen und verlässlichen Arbeitszeiten. Und um das zu erreichen, müssen diese Arbeitszeiten erfasst werden. Flexibilität heißt aus Sicht des Krankenpflegers und der Krankenhausärztin eben, dass sie sich auf die vorgeplanten Arbeitszeiten verlassen können müssen, um darum herum ihr Privatleben planen zu können.

Nicht umsonst besteht eine Kernforderung des Marburger Bundes in den laufenden Tarifverhandlungen darin, dass es neben dieser Planungssicherheit verlässliche Höchstgrenzen für die Arbeitszeiten und eben auch eine objektive, automatische und manipulationsfreie Erfassung aller Arbeitszeiten geben muss.

Wenn Sie, liebe Frau Abbas, in einem Krankenhaus behandelt werden müssten, hatten Sie – wie auch die meisten anderen Menschen –  gerne, dass Sie von ausgeruhten Ärzten und Krankenschwestern oder -pflegern versorgt werden. Das ist aber nur mit guten gesetzlichen und tariflichen Regelungen zu erreichen, die dieses wertvolle Gut schützen! Und im Übrigen: Auch das bestehende Arbeitszeitgesetz und die meisten Tarifverträge lassen sehr viele Möglichkeiten zu flexiblen Arbeitszeiten. Ich kenne kein Krankenhaus, dass nicht auf geeigneten Arbeitsplätzen zum Beispiel  Gleitzeitregelungen hat oder Home-Office-Arbeit zulässt. Der Ruf nach immer mehr Flexibilität von Seiten der Arbeitgeber und immer mehr Verfügbarkeit der Arbeitnehmer führt zu immer stärkerer Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit und das macht krank. Dem sollten wir uns entgegenstellen!

Bernd Libeaux, stellvertr. Bezirksvorsitzender Trier Marburger Bund