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Halloween bei den Schlottmanns - Teil 1

Halloween bei den Schlottmanns - Teil 1

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte einmal Familie Schlottmann: Mama Schlottmann, Papa Schlottmann, Amelie Schlottmann, Franziska Schlottmann, Thomas Schlottmann, Klein-Heinz Schlottmann und das kleine Baby Claudia Schlottmann.

Heute wurde Franziska von der Sonne geweckt. Zuerst spürte sie ein Kribbeln in der Nase und dann im Bauch. Sie wachte vollkommen glücklich auf. Warum nur? Einen Augenblick musste sie selber nachdenken. Was war heute nur so besonders? Dann fiel es ihr ein. Ja, heute war einer ihrer Lieblingstage im Jahr. Halloween! Ihre beiden besten Freundinnen würden zu Besuch kommen, Lea und Birgit, sie würden sich selbst, Thomas und Klein-Heinz schminken, ein wunderbares Abendessen für alle zaubern und dann um die Häuser ziehen. Keine Schule, keine Pflichten, es war Samstag - wie selten fiel dieser herrliche Tag auf einen Samstag! Franziska sprang aus dem Bett und lief nach unten.
Den ganzen Tisch hatte Mama mit Zeitungen ausgelegt, und riesige Kürbisse, die gestern noch im Garten gelegen hatten, standen auf dem Tisch und lachten mit der Sonne um die Wette.
"Warum habt ihr nicht auf mich gewartet?" Franziska hüpfte vor Freude.
"Doch, das haben wir". Oma trat aus der Küche und legte lauter Messer und Löffel auf den Tisch.
"Oma, du bist ja auch da!", freute sich Franziska und plumpste in einen Stuhl. Die Sonne wärmte ihren Rücken, die Kürbisse wärmten ihr Herz.
"Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Außerdem bin ich diplomierte Kürbisschnitzerin", lachte Oma.
Die anderen kamen auch, außer Amelie, die schlief heute bei einer Freundin und blieb auch bis morgen. Sie war kein großer Fan von Halloween, fühlte sich wahrscheinlich zu alt, um als Zombie oder Vampir oder Mumie durch die Gegend zu laufen und anderen einen Schrecken einzujagen.
"Selber schuld", dachte Franziska. Sie würde nie zu alt für diesen Spaß werden, da war sie sich ganz sicher.
Bald hatte jeder einen Löffel in der Hand und schabte Fruchtfleisch aus den riesigen runden Bällen, die Papa sozusagen schon 'geköpft' hatte. Das war aber auch sein einziger Beitrag zu diesem Spektakel, jetzt saß er schon wieder in der Ecke, las Zeitung und hüllte den ganzen sonnendurchfluteten Raum in vanilleduftenden Rauch.
"Was für ein Glück, dass so schönes Wetter heute ist", seufzte Franziska.
"Ja, aber kalt ist es, täusch' dich nicht", murmelte Papa hinter seiner Zeitung.
Dann sagte lange keiner mehr etwas, man hörte nur das Schaben der Löffel, und auf dem Tisch häufte sich das orangene Fruchtfleisch. Thomas kniete neben seinem Kürbis und biss vor lauter Anstrengung in seine Zunge.
"Mann, ist das anstrengend", stöhnte er.
Mama suchte sich die besten Stücke von dem Kürbisfleisch aus - davon wollte sie Suppe kochen.
"Ganz schön viel". Sie kratzte sich am Kopf.
"Na ja, friere ich den Rest halt ein, dann haben wir für das ganze Jahr Kürbissuppe."
Klein-Heinz schabte nicht mehr, er sammelte die Kerne ein, die überall herumlagen, wie kleine Speerspitzen sahen sie aus, und er legte sie ordentlich in Reih' und Glied auf den Boden.
"Wie viele Samen in so einem Kürbis sind", staunte Thomas.
Oma lachte.
"Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld."
Und dann begann sie, in die ausgehöhlten Kürbisse Gesichter zu schnitzen.
Thomas staunte. Augen und Zähne waren da plötzlich zu sehen, sogar Ohren.
"Ich will auch" - ja, das machte mehr Spaß als immer nur zu schaben, während einem dabei der ganze Kürbissaft über Hände und Arme lief. Auch Franziska schnitzte und selbst, wenn es nicht ganz so kunstvoll aussah wie bei Oma, wusste sie, heute Abend, wenn in jedem Kürbis eine Kerze stände, würden sie alle gruselig in die Welt schauen und Angst und Schrecken verbreiten.
"Oma, gibt es Gespenster?", fragte Thomas nach einer Weile.
Oma dachte nach. "Das kommt darauf an, was du unter Gespenstern verstehst. Mir fällt eine Geschichte ein, die meine Mutter mir einmal erzählt hat, die passt vielleicht zu deiner Frage. Ich erzähle sie euch: Es war mitten im Winter. Meine Mutter hatte gerade frisch geheiratet, einen Bauern, und jetzt lebte sie mit ihrem Mann auf dessen Bauernhof. Die Eltern des Mannes lebten auch auf dem Bauernhof und außerdem gab es noch zwei alte Tanten. Meine Mutter musste für alle kochen und sie fühlte sich noch nicht so recht wohl. Ihr müsst wissen, dass es in dieser Zeit kein Telefon gab und auch keinen Computer. Meine Mutter konnte also nicht einmal schnell zu Hause anrufen, das hätte ihr bestimmt geholfen. Besonders schlimm war es für sie auch deshalb, weil sie wusste, dass es ihrer Mutter nicht gut ging. Sie machte sich große Sorgen. Jeden Abend saß sie mit ihrer neuen Familie in der Küche unterm Herrgottswinkel - so auch an diesem Abend. Die Frauen nähten oder strickten, die Männer rauchten und ruhten sich aus. Draußen stürmte und schneite es, es war bitter kalt. Niemanden konnte man bei diesem Wetter hinausschicken, selbst der Wachhund hatte sich in seine Hütte verkrochen. Niemand sprach ein Wort, meine Mutter dachte an ihr Zuhause, da klopfte es plötzlich laut an die Tür. Ihr könnt euch denken, wie alle erschraken. Wer sollte dort draußen sein, bei diesem Wetter? Sie schauten sich an und trauten sich kaum zu atmen. Da klopfte es wieder, lauter diesmal, so als eile es, als stände draußen jemand in großer Not. Mein Vater stand auf. "Ich seh' mal nach", sagte er, seine Stimme krächzte ein wenig, es war ihm so unheimlich, dass er keine Spucke im Mund mehr hatte. "Nein Fritz, bleib hier", sagte seine Mutter. Da klopfte es zum dritten Mal, noch lauter und heftiger als davor. Entschlossen ging mein Vater zur Haustür und sperrte auf. Der Wind pfiff sofort laut durchs Haus. "Wer da?", rief mein Vater und er erschrak vor dem Klang seiner eigenen Stimme. Er hielt die Laterne in den Wind, der sofort das Kerzenlicht ausblies. Keiner antwortete. "Ist da jemand?", rief mein Vater noch einmal. Wieder antwortete nur der Wind mit seinem eisigen Atem. Mein Vater schloss sorgfältig die Tür und ging zurück zu den anderen. "Was war denn?", fragten die Frauen ganz aufgeregt. Mein Vater schüttelte nur den Kopf. Nach einer langen Weile sagte er: "Das Seltsamste war, keine einzige Fußspur war im Schnee zu sehen."
In dieser Nacht schliefen alle schlecht.
Am nächsten Tag erhielt meine Mutter eine Nachricht von einem Nachbarn, der mit seinem Schneepflug die Straßen räumte. Darin stand, dass ihre Mutter gestorben war. Und das Eigenartigste war, dass die Mutter genau um die Zeit gestorben war, als es bei ihnen am späten Abend geklopft hatte."
Mucksmäuschenstill war es. Alle starrten Oma an, sogar Papa hatte seine Zeitung gesenkt, und als Claudia auf der Krabbeldecke hustete, zuckten alle zusammen. Thomas fröstelte. Ihm war kalt. Grässlich schauten ihn die Kürbisse an, und jetzt nahm Oma auch noch das Messer in die Hand und schnitzte weiter, als sei nichts geschehen, als sei nicht gerade ein Wind durch ihr Esszimmer gefegt, der kalt war und geflüstert hatte: "Pass auf, sonst hole ich dich!"
"Nicht Oma", flüsterte er, "wenn unsere Kürbisse so furchtbar aussehen, dann glauben die Gespenster doch, wir wären mutig, und sie kommen erst recht zu uns."
"Oder sie gruseln sich und kommen gar nicht." Auch Franziska hatte wieder damit begonnen, einen Kürbis zu bearbeiten. Jetzt freute sie sich noch mehr auf heute Abend, jetzt war sie in der richtigen Stimmung. Mit ihren Freundinnen würde sie sich verkleiden und von Haus zu Haus ziehen, um Süßigkeiten einzusammeln. Sie wusste, dass ihr Papa kein Freund dieses "neumodischen, aus Amerika eingeflogenen Festes war", aber das war ihr egal. Auch auf das Abendessen freute sie sich. Gleich würden Birgit und Lea kommen, und denen würde sie zur Begrüßung erst einmal Omas tolle Geschichte erzählen. Ach, Halloween war einfach wunderbar und versprach, wunderbar zu werden. Sie merkte gar nicht, wie ihr Bruder Thomas, so blass in seinem Gesicht, dass jedes Gespenst neidisch auf ihn sein musste, leise aufstand und in seinem Zimmer verschwand ... (Fortsetzung folgt)