1. Meinung
  2. Leserbriefe

Gesundheit: Haltet Abstand!

Gesundheit : Haltet Abstand!

Zur Berichterstattung über die Corona-Krise schreibt Johannes Plein aus Bitburg, der seit 2018 für Audi in Changchun in der Provinz Jilin im äußersten Nordwesten Chinas (Manschurei) arbeitet, schreibt Johannes Plein. Außerdem zum Thema: Norbert Bogerts und Stefan Hahmann:

Hier wird es langsam besser. Die Geschäfte öffnen wieder und private Besuche in anderen Wohnanlagen sind wieder gestattet! Trotzdem gilt weiterhin eine generelle Maskenpflicht sowie Temperaturkontrollen an allen öffentlichen Eingängen (Malls, Restaurants), und das, obwohl Changchun seit mehr als zwei Wochen und die Provinz Jilin seit mehr als einer Woche coronafrei sind.

Somit haben wir knapp acht Wochen mit strengen Begrenzungen und Kontrollen hinter uns und auch weiterhin starke Präventivmaßnahmen.

Ich hoffe, dass alle in Deutschland verstehen, dass ohne solche Maßnahmen eine Eindämmung nicht möglich ist (auch Südkorea hat ähnlich gearbeitet, auch wenn es anders in den deutschen Medien dargestellt wird), ansonsten begleitet euch das Thema noch einige Monate.

Zum Vergleich dient hier die Provinz Hubei mit der Stadt Wuhan (Größe und Bevölkerungszahl vergleichbar mit Deutschland), in der noch immer höchste Sicherheitsmaßnahmen gelten und das öffentliche Leben sehr eingeschränkt ist – Ende noch nicht in Sicht (obwohl es keine Neuansteckungen mehr gibt).

Ich kann nur empfehlen, dass ihr jeden darauf aufmerksam macht, dass ohne „social distancing“ die Lage nicht besser, sondern tendenziell schlimmer wird!

Auch mir, meinen deutschen Kollegen, ja sogar den chinesischen Kollegen (einige richtige „Parteisoldaten“) haben viele Maßnahmen nicht gepasst, sie waren für uns nur schwer akzeptabel – aber die Bedürfnisse des Einzelnen sind in diesem Fall weniger wichtig als die der Gesellschaft, und daher hat jeder, auch ohne großen Zwang, mitgemacht.

Johannes Plein, Changchun

Die Corona-Pandemie ist eine unmittelbare Folge der ökonomischen Globalisierung. Jedem dürfte mittlerweile klar geworden sein, dass es nicht klug ist, sich bei der Produktion von Autozubehör, Antibiotika, Schutzanzügen und Desinfektionsmitteln von Ländern abhängig zu machen, in denen man Fledermäuse, Gürteltiere oder Nashornpulver verspeist. Das Virus folgte zunächst den Spuren der globalisierten Warenproduktion, die transnationale Unternehmen nach ausschließlich betriebswirtschaftlichen Kriterien an die jeweils billigsten Standorte verlagern, sowie der größten Dreckschleudern des Massentourismus, den modernen Kreuzfahrern. Der umfangreiche Transport von Waren, Dienstleistungen und Gütern über den Globus eröffnete der neuen Virusvariante alle Türen und Tore für die rasche weitere Ausbreitung.

Der aktuelle Seuchenausbruch zeigt, dass er auch auf die ausschließlich auf Gewinnmaximierung orientierte, globalisierte Ernährungswirtschaft zurückzuführen ist.

Das Bestreben des von den reichen Ländern dieser Erde dominierten Agrobusiness, mit betriebswirtschaftlich optimierten Monokulturen den weltweiten Lebens­mittel­­markt zu beherrschen, führt im globalen Süden zu Landraub und zunehmendem Verdrängungsdruck; die einheimische Bevölkerung steht der Pandemie hilflos gegenüber.

Die Globalisierung wiederum ist eine Folge der neoliberalen Wirtschaftsideologie, die den Profit vergöttert, aber Menschen- und Gleichheitsrechte negiert. Profit- und Bevölkerungsinteressen stehen sich oft diametral gegenüber. Beispiel: Klimakatastrophe. Warum werden Milliarden, die offensichtlich vorhanden sind, nicht genauso konsequent zur Verhütung einer viel größeren Katastrophe eingesetzt? Warum werden Milliarden in Aufrüstung, Waffenexport und so weiter investiert, obwohl sie nicht mehr Sicherheit, sondern zunehmend Gefährdung der Weltbevölkerung durch Kriege, Zerstörung, Massenflucht bewirken?

Aber offenbar ist es einfacher, die Bewegungsfreiheit der Menschen einzuschränken, als die Profit­orientierung vieler Multis in die Schranken zu weisen. Man kann nur hoffen, dass die aktuelle Corona-Panik genügend Druck zum Umdenken erzeugt.

Norbert Bogerts, Welschbillig

Wir hoffen alle, dass der nun für unser Land verordnete „Winterschlaf“ zur Eindämmung des Virus führt, und wir haben alle Verständnis für die Maßnahmen. Das Virus verbreitet sich exponentiell. Am Anfang sind es nur zwei Infizierte, aber bedingt durch das exponentielle Wachstum steigt die Zahl der Infizierten trotz zwei Wochen Inkubationszeit schon nach kurzer Zeit dramatisch an.

Wir kennen alle dieses Rätsel: Eine Seerose wächst jeden Tag um die doppelte Fläche und hat nach neun Tagen den halben Teich bedeckt. Nach wie vielen Tagen ist der gesamte Teich bedeckt? Ja, genau, am nächsten, also am zehnten Tag, obwohl für die erste Hälfte ganze neun Tage nötig waren.

So ist es auch bei dem Virus. Also muss man bei einer möglichst kleinen Ausbreitung Maßnahmen gegen das Wachstum einleiten, damit der Aufwand gering bleibt. Aber man muss das jeden und jeden und jeden Tag tun, so lange, bis es einen Impfstoff gibt.

Schneidet man zum Beispiel die Seerose am zweiten Tag um 90 Prozent zurück und lässt sie dann weiter frei wachsen, braucht sie trotzdem nur 13 Tage, um den Teich zu 80 Prozent zu bedecken und am 14. Tag wären es schon 160 Prozent der Teichfläche.

Das ist vergleichbar dem Problem des exponentiellen Wachstums!

Zurzeit gibt es ein paar Tausend Infizierte, und wir müssen das Land für ein paar Wochen in „Winterschlaf“ versetzen, damit nicht am Ende Hunderttausende sterben werden. Ein Impfstoff ist für Ende des Jahres angekündigt.

Ich hoffe, ich sehe das nun falsch, aber ich denke, wenn wir nach ein paar Wochen „Winterschlaf“ wieder in den Normalmodus wechseln und nur ein paar Infizierte übrigbleiben, geht es wieder von vorne los.

Es ist wie bei der Seerose: Man muss bei kleiner Ausbreitungsrate alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um die Zahl der Infizierten klein zu halten.

Stefan Hahmann, Trier