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Gesellschaft: Heuchlerisch, zynisch

Gesellschaft : Heuchlerisch, zynisch

Zu den Artikeln „Weltweite Militärausgaben steigen weiter an“ und „Zeitdruck beim Milliarden-Poker“ (TV vom 28. April) schreibt Ernst Geilenkirchen:

Die Beiträge machen erneut eines deutlich: Eine Krankheit bedroht unsere Demokratie. Ich rede nicht von der Corona-Pandemie. Die Bedrohung: Lobbyisten, und nicht das Wohl der Menschen, bestimmen in vielen Bereichen die Entscheidungen der Politik. Symptome und Folgen der Krankheit sollen an einigen Beispielen gezeigt werden.

Durch den Einfluss der Konzerne steigen Rüstungsausgaben weltweit. Das internationale Forschungsinstitut Sipri in Stockholm meldet den stärksten Anstieg seit 2010. Mit einer Steigerung seiner Rüstungsausgaben um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr ist Deutschland „Aufrüstungsweltmeister“, so wird eine Abgeordnete der Linken im TV zitiert. Kein anderes Land hat seine Rüstungsausgaben so stark erhöht. Es ist eine Schande! Vor diesem Hintergrund zeigt sich, wie heuchlerisch und geradezu zynisch die deutsche Politik hier unter Kanzlerin Merkel agiert. In zahlreichen Friedensappellen und bei mehr oder weniger erfolgreichen Sicherheitsbemühungen, an denen sie sich beteiligt, gibt sie das Gegenteil von dem vor, was die Zahlen klarmachen. Deutschland ist Profiteur der Krisen und Kriege in der Welt. Oder will man uns etwa glauben machen, dass die von uns verkauften Waffen nur für Ausstellungen genutzt würden? Mit diesen Waffen werden Menschen getötet, Menschenrechte verletzt und Friedensbemühungen konterkariert.

Ein weiteres Beispiel für den Einfluss von Lobbyisten: Vertreter von Wirtschaftsverbänden, etwa der Wirtschaftsrat der CDU, nehmen die Corona-Pandemie als Vorwand, um Kürzung oder gar Streichung finanzieller Mittel zu fordern, die benötigt werden, um Klimaziele zu erreichen, Armut zu bekämpfen oder Flüchtlinge zu versorgen.

Lobbyarbeit als rücksichtslose Durchsetzung von Funktionärsinteressen gegen die Interessen der Allgemeinheit kennzeichnet auch die Diskussion um den Neustart des Fußballgeschäftes. Mit den absurdesten Vorstellungen kämpft die DFL um den Wiederanpfiff der Spiele. Es geht nicht um die Zuschauer, die Fans, für deren Unterhaltung und Ablenkung der Betrieb angeblich wieder laufen soll; man plant ja sogar Spiele ohne Zuschauer. Es geht um Fernseh- und Sponsorengelder, um eine Branche am Leben zu erhalten, die durch Misswirtschaft, völlig überdrehte, geradezu obszöne Gehälter und Ablösezahlungen in absehbarer Zeit wohl ohnehin gegen die Wand gefahren wäre, und das zu Recht.

Der Fußballverband fordert also tatsächlich, dass bald wieder Kopfballduelle, Zweikämpfe, Grätschen auf dem Platz stattfinden und vom Fernsehen gezeigt werden, während der Normalbürger Strafgelder bezahlen soll, wenn er Abstandsregeln nicht einhält und keine Atemschutzmaske trägt. Ich liebe den Fußball, habe viele Spiele im Stadion verfolgt, habe die Atmosphäre genossen, Emotionen auch vor dem Bildschirm ausgelebt und habe viele Diskussionen über „die schönste Nebensache der Welt“ geführt. Aber nie werde ich die verrückte Entwicklung im Profifußball durch ein Abo beim Bezahlfernsehen unterstützen. Für mich wäre es zwar schmerzhaft, aber doch auch sinnvoll, wenn das ganze System noch mal von vorn anfangen müsste. Ein System-Neustart nicht nur im Fußball könnte diese Pandemie im Nachhinein sogar zu einem Gewinn für die Menschheit werden lassen. „I have a dream.“ (Martin Luther King)

Ernst Geilenkirchen, Kelberg