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Leserbriefe: Hört auf, ihr habt ja recht! Alle!

Leserbriefe : Hört auf, ihr habt ja recht! Alle!

Zu einem Leserbrief von Frank Rech unter der Überschrift „War immer so, ist immer so, wird immer so bleiben“ (TV vom 28./29. April) sowie zu den Artikeln „Trierer Bischof schweigt im Kirchenstreit um Abendmahl“ (TV vom 11. April) und „Trierer Bischof kritisiert Amtsbrüder“ (TV vom 24. April) schreiben Peter Trauden, Michael Kittler, Edgar Thielen und Joachim Sels:

Uiuiui, genau so habe ich mir religiösen Fundamentalismus immer vorgestellt. Menschen, die auch nur ein Jota vom „wahren“ Text der sogenannten Heiligen Schrift abzuweichen wagen, sind ungläubig und damit unwürdig. Als Leugner bezeichnet Herr Rech diese Frevler, und ein Protestant, der den Leib des Herrn zu sich nimmt, „isst sich den Tod an“. Seine Kirche – und nur seine, die katholische halt – ist Künder der reinen Wahrheit. Alles andere: Kroppzeug, dem Verderben geweiht.

Da kommen ungute Erinnerungen in mir auf. Als kleinem Kind hat man mir genauso beizubringen versucht, dass jeder kleinste Zweifel an dem, was „der Här“ einem sagt, direktemang in die Hölle und zum Deibel führt. „Brennen wirst Du, immer und ewig und unter furchtbaren Qualen!“ Als Kind habe ich das geglaubt, weil ich mich darauf verlassen musste, dass die Erwachsenen in ihren erhabenen Ämtern und Kleidern mir nur die Wahrheit sagten. Der Samen des schlechten Gewissens war tief in die kindliche Seele gepflanzt, und es hat seine Zeit gedauert, bis mir die niederträchtige Methode, die dahintersteckte, klar wurde.

Heute, als bekennender Atheist, stehe ich solchen Ausbrüchen wie dem des Herrn Rech gelassen gegenüber. Sorge macht nur, dass ein solcher Eifer, ein solch absoluter Wahrheitsanspruch in unseren bewegten Zeiten dazu führen kann, dass Vertreter der jeweiligen Religion sich in lebende Bomben verwandeln und Tod und Verderben über ihre Mitmenschen bringen.

Jeder soll seine Religion leben, aber Andersdenkenden bitte nicht mit Verachtung oder Hass begegnen.

Also, euch, die ihr euch gegenseitig des Aberglaubens bezichtigt, möchte ich fröhlich zurufen: Hört auf, ihr habt ja recht! Alle!

Peter Trauden, Heilbach

Schon das „War immer so“ weckt Bedenken. Frank Rech möchte gerne die Bedeutung der römisch-katholischen Eucharistie als quasi geschichtslose Wahrheit darstellen – nur dass dabei die Geschichte nicht so ganz mitspielt. Neben dem Kirchenvater Johannes Chrysostomos (347-407) hat wesentlich das 4. Laterankonzil von 1215 dafür gesorgt, dass der Begriff der „Wandlung“ ein fester Bestandteil der Eucharistiefeier wurde. Nun sind über 800 Jahre zugegebenermaßen eine lange Zeit, aber doch etwas kürzer als „schon immer“.

Ein anderer Punkt ist aber von weit größerer Bedeutung. Herr Rech bezichtigt all jene der Irrlehre, die sein (römisch-katholisches) Verständnis der Eucharistie nicht teilen, aber dennoch an einer Eucharistiefeier teilnehmen. Diese „Unwürdigen“ werden von Herrn Rech mit einem Federstrich als „Ungläubige“ betitelt, die sich „den Tod essen“.

Starker Tobak. Seine Wortwahl macht aber erkennbar, dass er die Worte des Apostels Paulus aus dem 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes verwendet, wo es unter anderem heißt: „Wer isst und trinkt und nicht bedenkt, welcher Leib es ist, der isst und trinkt sich selbst zum Gericht“ (Vers 29). Interessanter Punkt, aber: Paulus genießt als Autor des ersten nachchristlichen Jahrhunderts sowohl gegenüber dem Kirchenvater Chrysostomos als auch den Bestimmungen des 4. Laterankonzils einen zeitlichen Vorsprung von einigen Hundert Jahren.

Der jüdische Theologe Paulus war weder katholisch (allein schon mangels einer römisch-katholischen Kirche zu seiner Zeit) noch schreibt er über die römisch-katholische Eucharistie, sondern über das urchristliche Gedächtnismahl. Das ist beileibe nicht dasselbe. Das Problem des Apostels ist deshalb kein bestimmtes Abendmahlsverständnis, sondern die Tatsache, dass es beim gemeinsamen Gedächtnismahl der Christen in Korinth schwere Ungereimtheiten gab: Der eine war hungrig, der andere war betrunken (Vers 21). Und genau das war einer christlichen Gemeinde von Brüdern und Schwestern, die wie „ein Leib“ zusammengehören, ausgesprochen unwürdig. Deshalb hebt Paulus in den folgenden Kapiteln seines Briefes auf das ab, was die Christen wesentlich auszeichnen soll: die Liebe untereinander.

In der aktuellen Auseinandersetzung ums Abendmahl beziehungsweise die Eucharistie sind wir als Christen gut beraten, die dafür zugrunde liegenden schriftlichen Quellen etwas ausführlicher zu lesen.

Denn wir sollten immer noch ihrem Sinn folgen, nicht sie unserem. Jesus selbst bringt es für Katholiken und Protestanten gleichermaßen auf den Punkt: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Johannes 13,35). Es wäre doch eine Überlegung wert, wie wir auf dieser Grundlage eine wahrlich christliche Eucharistie- oder Abendmahlsfeier gestalten können.

Michael Kittler, Trier

Frank Rech und Menschen, die seine Ansichten teilen, halte ich mitverantwortlich für alle Not und alles Elend auf dieser Welt. Denn unter den zahlreichen Gelehrten haben sie einen mit Sicherheit nicht verstanden: Jesus Christus.

Edgar Thielen, Bell am See

Es ist bemerkenswert, dass wir uns zwar als multikulturelle Gesellschaft sehen, dieses aber ausgerechnet in Fragen des christlichen Glaubens in schon fast an diktatorische Intoleranz erinnernden verordnetem Ökumene-Wahn speziell zwischen den deutschen Ablegern christlichen Glaubens nicht gelten soll. Aber nur dann, wenn es um das Verhältnis speziell zur katholischen Kirche geht.

Unterschiede existieren nicht nur zwischen den Religionen dieser Welt, sondern auch innerhalb dieser (Welt-)Religionen. Im Islam kennen wir Sunniten und Schiiten, mit ihrerseits vielen „Unterabteilungen“ . Und auch der Buddhismus – ja selbst das mit weltweit nur rund  30 Millionen Mitgliedern relativ kleine Judentum – kennt sehr viele unterschiedliche Ausprägungen.

Niemand in Deutschland bis auf einige wenige Fanatiker stört sich an dieser Vielfalt – die von uns heute nicht nur überall (Diversity am Arbeitsplatz) und in jeder Frage (Genderforschung, Frauenquote, LGBT) von morgens bis abends omnipräsent eingefordert wird. Aber eben auch im Christentum gibt es viele , oft sehr unterschiedliche Strömungen. Was sich vielleicht am besten an der Zahl der immerhin – überwiegend evangelisch geprägten – 350 Mitglieder der Weltkirchenrates ablesen lässt. (In dieser auch als Ökumenischer Rat der Kirchen genannten Vereinigung sind zwar – auch nur teilweise – die orthodoxen Kirchen, nicht aber die katholische Kirche, die Kopten und auch viele nordamerikanische alt- und neutestamentarlich geprägte Glaubensgemeinschaften Mitglied.)

Innerhalb des Weltkirchenrates stört sich anscheinend niemand an dieser Vielfalt – ganz im Gegenteil ist für die Mitglieder diese Diversity ganz im Sinne der UN-Menschenrechtskonvention selbstverständlich und per Statut toleriert! Und die katholische Kirche arbeitet trotz ihrer Nichtmitgliedschaft und aller theologischen Unterschiede in den allermeisten Lebensbereichen erfolgreich mit anderen Glaubensgemeinschaften zusammen.

Wer aber als Katholik ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordert, der hat scheinbar den Glauben an ganz wesentliche Unterschiede zwischen katholischer heiliger Messe und einem evangelischen Gottesdienst verloren. Der Glaube oder besser Unglaube an die Unterschiede beider Veranstaltungen steht jedem frei. Der Respekt vor dem Andersgläubigen verbietet mir aus katholischer Sicht die Forderung nach gemeinsamer Teilnahme an der heiligen Kommunion. Sie ist wie alle Sakramente nun einmal ausnahmslos reine Glaubenssache. Und Glaubensfragen sind im Christentum – übrigens ganz im Gegensatz zum Religionsverständnis des Islam oder in Teilen auch des Judentums – letztendlich und aus gutem Grunde reine Privatsache. Denn sie lassen sich wie alle reinen Glaubensfragen weder „beweisen“ noch „widerlegen“ und dürfen damit auch niemandem vorgeschrieben oder sogar aufgezwungen werden! Auch wenn uns viele – selbst katholische Theologen und Bischöfe – etwas anderes weismachen wollen. Allen Katholiken steht zur Erlangung ihres Seelenfriedens die Konvertierung (nicht nur..) zu einer der evangelischen Kirchen frei, wenn sie nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen sind, dass sie ihrer Kirche in dem Glauben an die heiligen Sakramente nicht mehr folgen können. Seit dem Zweiten Vaticanum kann das auch der Katholik, ohne die Höllenqualen des Fegefeuers fürchten zu müssen.

Joachim Sels, Ralingen