Holt mich hier raus!

Wir laden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Dialog ein. Sagen Sie uns Ihre Meinung! Das Motto: Leser fragen - die Chefredaktion antwortet.

Hans-Josef Lörscher aus Altrich schreibt: Reicht es denn nicht, dass nach jeder Gottschalk-Sendung groß und breit darüber berichtet wird? Muss jetzt auch noch die Werbetrommel für völlig hirnlose Fernsehprogramme der Privatsender im TV gerührt werden? In Riesen-Aufmachern wird der Starttermin des "Dschungel-Camps" propagiert, und es wird ohne jegliche Kritik darüber berichtet. Ist das das neue Niveau des TV?

Da werden Fotos veröffentlicht, als würde das neue Bundeskabinett vorgestellt. Lauter fragwürdige Bilder von ausgemusterten "Schauspielern" oder "Künstlern" mit fragwürdigstem Ruhm. Ist es nicht schlimm genug, dass uns solche Fernsehprogramme vorgesetzt werden? Aber dann noch auf einer halben Seite darüber zu berichten, finde ich mehr als beschämend für eine Tageszeitung. Wen interessiert es denn wirklich, wer als Dünnster übrig bleibt oder als Unerschrockenster die meisten Insekten isst oder als Erster vor lauter Ekel das Handtuch wirft? Wir werden es bald im TV nachlesen können, oder?

Wir dürfen gespannt sein: wenn Jürgen Drews als Koch auftritt, wenn Heino ins Big-Brother-Haus zieht, wenn Roberto Blanco bei DSDS in der Jury sitzt, wenn ein abgedankter Boxer wie Axel Schulz schwächlichen Jugendlichen das Kickboxen beibringt - der TV wird es uns wissen lassen. Getreu dem Motto "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" rufe ich der Redaktion zu: "Ihr seid der TV, hört endlich damit auf!" Denn das habt ihr nicht nötig.

Lieber Herr Lörscher,

vielen Dank für Ihren Brief. "Grässssslich!!!", würde Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki wohl wettern, zappte er versehentlich vom Intellektuellen-Sender Arte auf den Krawall-Kanal RTL. "Grässssslich!!!" Die Urwald-Gaudi: ein trauriger Tiefpunkt der Fernseh-Geschichte, so scharfrichtern die Feingeister. Ach was, entgegnen die Macher: Täglich schalten fünf Millionen Fans ein und ergötzen sich an der Radau-Schau. Gebt dem Volke, was des Volkes ist, wir amüsieren uns zu Tode.

Also: Das "Dschungel-Camp" ist Müll, es ist Trash-Kultur, aber derlei ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Die Deutschen verbringen jeden Tag im Schnitt zehn Stunden mit Medien aller Art. Fernsehen, Internet, Radio, Zeitungen, Bücher, Computerspiele. Das ist die Welt, in der wir leben, das ist die Welt, mit der sich Journalisten als Beobachter und Chronisten auseinandersetzen. Ob man es mag oder nicht: Der Kultur-Müll, und stinkt er noch so eklig, gehört dazu. Daher wird berichtet, mal locker-flockig auf den Unterhaltungs-Seiten, mal kritisch-mahnend im Feuilleton. In der FAZ wie in der "Süddeutschen", in der "Zeit" wie im "Spiegel" - und im Volksfreund, wo Sie nach dem Auftakt-Artikel über das "Dschungel-Camp" einen grandiosen Verriss lesen konnten. Schönes Wochenende!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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