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Hottentotten und Bratskartoffeln

Hottentotten und Bratskartoffeln

Wir laden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Dialog ein. Sagen Sie uns Ihre Meinung! Das Motto: Leser fragen - die Chefredaktion antwortet.

Hartmut Schrör aus Langsur schreibt: Beim Lesen des TV wie auch anderer Medien fällt mir immer wieder auf, wie konsequent und entschlossen Journalisten an der Abschaffung des Genitivs - Entschuldigung - an der Genitiv-Abschaffung arbeiten. Warum heißt es dauernd "Guttenberg-Rücktritt" statt "Guttenbergs Rücktritt", "Merkel-Gatte" statt "Merkels Gatte" und so weiter? Es ist nicht einmal eine Vereinfachung, denn häufig wird für die Bindestrichvariante noch ein Artikel benötigt, zum Beispiel "Der Gaddafi-Sohn sagte im Fernsehen ..." statt "Gaddafis Sohn sagte im Fernsehen ...".

Halten Journalisten ihre Leser mit dem Genitiv für überfordert? Oder sind sie es selbst?

Lieber Herr Schrör,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Das haben Sie gut beobachtet: Am Wes-Fall scheiden sich die Geister. Dass der Dativ dem Genitiv sein Tod ist, wissen wir spätestens seit Bastian Sicks "Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache". Der Befund ist eindeutig: Verunstaltung des Genitivs in Tateinheit mit grassierender Bindestrichitis.

Wie kommt's?

Mit dem zweiten Fall plagen sich die Deutschen seit eh und je herum. Ein grammatikalischer Graus: Sagen wir, zum Beispiel, dass wir trotz des schlechten Wetters (Genitiv) einen Spaziergang machen, ist das genauso so richtig wie der gute Vorsatz, trotz Regen (Dativ) oder gar trotz Regens (Genitiv) an der frischen Luft zu lustwandeln.

Die Fachleute unterscheiden, ob das Hauptwort "bekleidet" ist oder "unbekleidet". Jedenfalls laut des Bestsellers von Bastian Sick (Genitiv), wahlweise auch laut Sick-Bestseller (Dativ).

O je, ob solcher Feinheiten kapituliert mancher Sprachnutzer und entscheidet sich lieber gleich für die bequeme Dativ-Variante statt des eleganten Genitivs. In einigen Dialekten (Schwäbisch, Bairisch) ist der Wes-Fall ohnehin kaum anzutreffen, und er verliert sich vollends im Kanaksprak-Deutsch oder im Jugend-Slang. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing? Nö, Alter, voll krass: Wem sein Brot ich ess, dem sein Lied ich sing.

Solche Verballhornungen greifen um sich, etwa in der Werbesprache, und entwickeln sich mitunter zum Kult.

Als der frühere Bundespräsident Johannes Rau in eine Diskussion geriet, in der es darum ging, eine Fußball arena in Gelsenkirchen auf den Namen einer Frau zu taufen, schlug er im Ruhrpott-Idiom vor: Dem Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion. Ex-Kanzler Gerhard Schröder machte Wahlkampf mit dem Slogan: Ich wähle Doris ihren Mann seine Partei.

Nun ja, der pure Genitiv-Genuss klingt anders.

Der Hang zu neumodischen Sprachmarotten tut ein Übriges. Etwa der Wahn, alles und jedes mit einem Häkchen zu garnieren. Die Amerikaner essen ihren Hamburger bei McDonald's. Sei's drum. Prompt versuchen sich die Deutschen am apostrophierten Genitiv-s. Beck's Bier, Rudi's Resterampe, Thekla's Tresen, Wilhelm's Wurstbude. Alle's Unfug's, auch wenn der "gelegentliche Gebrauch" seit der Rechtschreibreform toleriert wird.

Noch so eine Stolperfalle: das Fugen-s. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky spottete 1927: "Jakopp hat die s-Krankheit. Er sagt ‚Ratshaus' und ‚Nachtstopf' und ‚Brats kartoffeln'. - ‚Das sind Bratskartoffeln, wie sie der Geheimrat Brats aus Berlin selbst erfunden hat.'"

In der Alltagssprache unterhalten wir uns über Schadens ersatz, im Amtsdeutsch ist von Schadenersatz die Rede. Haben Sie einen Verbandskasten im Auto? Mitnichten, sagt der Bürokrat: Ich fahre nie ohne meinen Verbandkasten.

Bei Eigennamen auf die Genitiv-Endung zu verzichten, ist nach Angaben des Volksfreund weit verbreitet, aber nicht korrekt. Igitt! Richtig muss es heißen: des Volksfreunds ...

Wer für ein größeres Publikum schreibt, sollte zwei Dinge beherzigen: verständlich muss es sein, und lesbar. Womit wir bei der Koppelei wären.

Weil wir über immer weniger Zeit verfügen, verändert sich die Sprache: Die Tendenz geht zur Verdichtung und Verknappung, zur konzentrierten Information. Wissenschaftler bezeichnen das als "Nominalstil".

Was darunter zu verstehen ist, erklärt der Germanist Willy Sanders in seiner Stillehre "Gutes Deutsch - besseres Deutsch": Goethe schreibt vor zweihundert Jahren: Es scheint nicht überflüssig zu sein, genau anzuzeigen, was wir uns bei diesen Worten denken, welche wir öfters brauchen werden. Heute formuliert man den gleichen Sachverhalt ungefähr so: Zunächst erfolgt eine Definition der häufiger gebrauchten Wörter.

Nicht schöner, aber ökonomischer. Charakteristisch sind laut Sanders in der Pressesprache sogenannte "Augenblickskomposita", die unter Zeitdruck gebildet werden. Der Kandidat, der an die Spitze einer Wahlliste gestellt wird = Spitzenkandidat. Eine Organisation, die sich auf der ganzen Welt um die Belange des Gesundheitswesens kümmert = Weltgesundheitsorganisation.

In diesen Zusammenhang gehören Bindestrich-Konzentrate wie die Lehrer-Schüler-Beziehung und Ultra-Verkürzungen wie der Merkel-Gatte. Stilistisch nicht unbedingt empfehlenswert, meint Sanders - aber dem allgemeinen Sprachtrend folgend.

Die "Raffwörter" fassen den Inhalt von Wortgruppen oder ganzen Nebensätzen zusammen, und sie verbreiten sich epidemisch - vor allem in der "Papiersprache" öffentlicher Institutionen. Gruselige Bandwürmer wie: Verfahrensweisevereinfachungsmaßnahmen, Bundesbahnbeamtenwitwensterbekasse, Volkshochschullehrerjahreshauptversammlung. Verulkt wird derlei vom Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsanwärter oder dem Hottentotten potentatentantenattentäter.

Uff! Da sind wir doch dankbar für den einen oder anderen Bindestrich, der uns das Lesen erleichtert ...

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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