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Energie: Ideologisch geprägt

Energie : Ideologisch geprägt

Zum Artikel „Deutschland importiert mehr Strom“ (TV vom 2. Januar) schreibt Herbert Dratschmidt:

Der Beitrag beschreibt den Anfang einer Entwicklung, deren Bedeutung durchaus mit den gerade aktuellen Krisen-Themen mithalten kann. Daher scheint es mir sinnvoll, auf einige Fakten hinzuweisen, die von Politikern und Medien zu oft vergessen oder übersehen werden.

Vorab möchte ich klarstellen, dass ich die Nutzung von Photovoltaik (PV) und Windenergie als wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung betrachte. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir mit diesen volatilen Energieträgern keine gesicherte Energieversorgung erreichen können, solange es keine entsprechenden Speichermöglichkeiten für diesen Strom gibt. Es werden zwar viele Ideen diskutiert, aber von einer großtechnischen Umsetzung sind wir noch weit entfernt. Zusätzlich habe ich nicht den Eindruck, dass die Politik entsprechend der Dringlichkeit reagiert. Allein in den nächsten zwei Jahren werden in Deutschland auf Grund politischer Entscheidungen weitere 6500 Megawatt (MW) Grundlast vom Netz genommen. Um die zu ersetzen, müssten mindestens 30 000 MW an Windkraftanlagen (Onshore) oder alternativ 60 000 MW an Photovoltaik (PV) installiert werden (die notwendigen höheren Werte an installierter Leistung ergeben sich durch die viel geringeren Arbeitsverfügbarkeiten dieser Anlagentypen im Vergleich mit Wärmekraftwerken).

Um beim Beispiel Windenergie zu bleiben, ergibt sich ein erforderlicher Zubau von circa 50 Prozent zum derzeitigen Stand. Selbst wenn dies unter Missachtung von Natur-/Umweltschutz geschehen würde, wäre eine sichere Energieversorgung immer noch nicht gewährleistet, da Zeiten von Flaute/Dunkelheit durch diese Anlagen nicht kompensiert werden können.

Da der Anteil der volatilen Energieträger am Strom-Mix im Laufe der vergangenen Jahre immer größer wurde (und weiter zunimmt), erklären sich auch die im Artikel erwähnten, zunehmenden Stromimporte vor allem aus Frankreich (Kernenergie), die ohne den bremsenden Einfluss von Corona sogar noch höher ausgefallen wären. Als Fazit bleibt, dass neben massiv verstärkter Anstrengung im Bereich Speicherung und Einsparung im Verbrauch auch ein weniger ideologisch geprägter Umgang mit der Thematik helfen könnte. In diesem Bereich könnte Deutschland eine Menge von seinen europäischen Nachbarn lernen.

Herbert Dratschmidt, Trierweiler