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Leserbriefe
In der Grazie züchtigem Schleier

Zum Artikel „Sexismus-Debatte: Bilder müssen weichen“ (TV vom 3. Februar) schreibt Gerhard Lenssen:

Das Gedicht „avenidas“ des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer, das an der Wand der Berliner Alice-Salomon-Hochschule zu sehen ist, soll jetzt entfernt werden, es sei sexistisch und erinnere an Belästigungen von Frauen.  Es ist in spanischer Sprache geschrieben, klingt dadurch auch eleganter als in einer wörtlichen deutschen Übersetzung:

„Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“.

Was würden die Berliner Sprachreiniger erst zu Schillers „Ehret die Frauen sagen“? „Ehret die Frauen! Sie flechten und weben, / himmlische Rosen ins irdische Leben, / flechten der Liebe beglückendes Band, / und in der Grazie züchtigem Schleier / nähren sie wachsam das ewige Feuer / schöner Gefühle mit heiliger Hand.“

Vielleicht so: In Schillers Gedicht wird die Frau zum rein aus der männlichen Perspektive gesehenen Betrachtungsobjekt herabgewürdigt. Nur an männliche Leser richtet sich der Verfasser, nicht ohne die noch nicht einmal versteckte Aufforderung unterzubringen, züchtig solle sie sein, unter einem Schleier; wohlwissend, dass gerade das Verhüllte besondere Aufstachelung hervorruft.

Also weg damit?

Mein Vorschlag: Bernkastel-Kues soll dem in Berlin ausgestoßenen Gedicht eíne neue Heimstatt bieten; auf der Burg Landshut, auf der großen Betonwand, die den dahinter installierten Aufzug kaschiert. Womöglich die engagierte Tochter des Künstlers dazu einladen. Das wird in der gesamten Kunstszene und darüber hinaus sicher ein großes Echo finden, wenn das kleine Bernkastel-Kues dem großen Berlin die Lehre erteilt, dass Schönheit nur im Auge des Betrachters liegt (Goethe).

Also: Bernkastel-Kueser Stadtmütter und -väter, schmiedet das Eisen, solange es noch heiß ist!

Gerhard Lenssen, Bernkastel-Kues