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Katholische Kirche: Jahrhundertelange Nachwirkung

Katholische Kirche : Jahrhundertelange Nachwirkung

Zum Leserbrief „Wahre Heilige“ (TV vom 27./28. Oktober) schreibt Frank Feder:

Es ist leider ein weitverbreitetes und auch bei Ernst Marx vorliegendes Missverständnis, dass die Selig- und Heiligsprechungen der katholischen Kirche Statusänderungen der Verstorbenen seien, nach dem Motto „jetzt geht es von Wolke fünf im Himmel auf Wolke sieben“. Sie sind Rechtsakte, die der Papst als oberster Gesetzgeber der Kirche nicht nach Laune, sondern nach kritischer Prüfung vollzieht: Er erlaubt die Verehrung der Person auf regionaler oder Bistums­ebene (Selige) beziehungsweise weltkirchlicher Ebene (Heilige). Natürlich ist jeder Christ ein von Gott berufener Heiliger. Bei Oscar Romero und vielen anderen kommt aber hinzu, dass sie diesen Anspruch in ihrem Leben trotz vieler menschlicher Schwächen so überzeugend gelebt haben, dass man sich ihrer erinnert und in dieser Erinnerung der eigene Glauben reflektiert wird. So wird der heilige Oscar Romero mindestens im Jahresrhythmus daran erinnern, dass die Kirche eine Kirche für die Armen ist, und, wenn man sich den Heiligenkalender anschaut, wahrscheinlich ein paar Hundert Jahre lang.

Welche Erfolgsgeschichte das Gedenken an Heilige sein kann, werden wir jetzt am Jahresende wieder erleben, wenn uns die Heiligen Martin und Nikolaus das Teilen ins Gedächtnis rufen. Immerhin stammen beide beziehungsweise ihre Traditionen aus dem vierten Jahrhundert. Würde man sich an Oscar Romero im Jahr 3618 ohne Heiligsprechung erinnern?

Frank Feder, Koblenz