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Gesellschaft und Sprache: Jede Menge Polemik

Gesellschaft und Sprache : Jede Menge Polemik

Zu einem Leserbrief unter der Überschrift „Wann zieht endlich jemand die Notbremse?“ (TV vom 29./30. August) und zur Diskussion um Rassismus und politisch korrekte Sprache schreiben Marianne Bühler und Rita Woods:

Bernhard H. Gross setzt sich in einem in viele Richtungen ausufernden Rundumschlag mit der, wie er es nennt, „entsetzlichen gekünstelten Überkorrektheit“ der Sprache, bezogen auf Minderheiten verschiedener Art, auseinander, eine Menge Polemik eingeschlossen. Dazu wäre vieles zu sagen, ich beschränke mich auf ein Beispiel und eine grundsätzliche Frage.

Das Beispiel: Wer sich mit der Bibel auseinandersetzt, weiß, dass in den Texten des Neuen Testaments weder von drei Königen noch von schwarzen Menschen die Rede ist, sondern, nach der neuen Einheitsübersetzung schlicht und einfach von „Sterndeutern“.

Von „Religionsgeschichtsverfälschung“ kann also unabhängig davon, wie Sternsinger heute auftreten, keine Rede sein.

Es geht aber für mich im Kern um etwas anderes. Es geht um eine Änderung der Perspektive. Es geht darum, den Betroffenen, die sich durch eine Fremdbezeichnung diskriminiert fühlen, Respekt entgegenzubringen.

Entscheidend ist nicht, dass wir unsere gewohnten Sprachmuster beibehalten. Viel wichtiger ist: Wie möchten Menschen bezeichnet werden, und welche Bezeichnungen empfinden sie als diskriminierend? Kann man einfach Menschen weiterhin mit Begriffen in Verbindung bringen, die für sie abwertend sind, wie es etwa die Rede von „Zigeunern“ für Sinti und Roma ist?

Natürlich hat Sprache Macht und beeinflusst unser Denken über Personen und Personengruppen und unsere Weltsicht insgesamt. Deshalb ist es auch nicht gleichgültig, wie wir andere Menschen oder Menschengruppen bezeichnen. Denn darin äußert sich das, was wir denken.

Wie sollen die anderen ansonsten merken, dass wir keine Rassisten oder ähnliches sind.

Marianne Bühler, Wittlich

Der Beitrag von Bernhard H. Gross erscheint mir, als habe er alle Themen, die ihn in der letzten Zeit gestört haben, in einen Topf geworfen und kräftig gerührt. Ich versuche mal, das Ganze aufzudröseln. Erst teilt er uns auf zynische Weise mit, was er über geschlechtergerechte Sprache denkt. Er schafft es tatsächlich, mit ein paar Sätzen sehr vielen Menschen heftig gegen den Kopf zu treten und deren Gefühlswelt zu ignorieren. Dazu ein Vorschlag von mir: Alle benutzen, nur ein Jahr lang, ausschließlich die weibliche Form. Wie würde es Herrn Gross gefallen, als Leserbriefschreiberin bezeichnet zu werden? Würde er sich angesprochen fühlen? Man(n) erinnere sich daran, dass amtliche Briefe früher zum Beispiel an Frau Bernhard Gross adressiert wurden. Auch heute hören Frauen häufig, sie sollen sich nicht so anstellen, die männliche Form würde sie mit einbeziehen.

Jetzt kommen wir zur Behauptung, es dürfe die Bezeichnung Jude nicht mehr benutzt werden. Und das wirft er in einen Topf mit den Begriffen Zigeuner und Mohr. Juden sind Mitglieder einer Religionsgemeinschaft, genauso wie Christen, Hindu, Muslime. Wie sollen wir denn Juden oder Christen nennen?

Besonders gut wird es, wenn Herr Gross von „Religionsgeschichtsfälschung“ spricht. Er meint damit die Überlegung, dass ein dunkelhäutiger „heiliger König“ nicht mehr zu den Sternsingern gehören soll. Apropos „Religionsgeschichtsfälschung“: Denken Sie doch mal 2000 Jahre zurück, wer lebte in dem heutigen Israel? Waren es blonde, blauäugige Menschen wie die Darstellungen von Jesus, die hier in jeder Kirche zu sehen sind? Oder waren es nicht eher Menschen, die aussahen wie Arafat? Doch genug der Fragen. Hier eine einfache, doch für mich stimmige Antwort: Alle Menschen haben ihr eigenes Empfinden, alle Menschen spüren, was sie verletzt. Darum sollen die Menschen entscheiden, die sich durch Sprache verletzt fühlen.

Rita Woods, Neumagen-Dhron