Jonathan in Verdacht

Jonathan, im früheren Beruf Konditor und Bäcker, befand sich seit wenigen Monaten im Ruhestand. Er war schon viele Jahre Witwer. Nun erfüllte er sich einen Herzenswunsch und fuhr mit seinem alten Auto nach Rom zu Lucietta, die er per Internet kennengelernt hatte.

Er genoss bisher, obwohl einiges nicht so glatt verlief, die Fahrt sehr. Jonathan, der Optimist, erfreute sich an schönen Dingen, besonders an der Natur, den Pflanzen und Tieren. Auch die Menschen, die er bisher traf, waren alle sehr nett zu ihm.
Es war bereits der dritte Tag der Reise! Jonathan wurde am Morgen ganz herzlich von Greti, der Wirtin des Gasthofes, liebevoll geweckt. Das Herz ging ihm auf, als er aus seinem Zimmerfenster die Schweizer Berge erblickte - großartig!
Sein Fuß schmerzte zwar etwas, auch hatte er noch einen Brummschädel wegen der Sause vom Vorabend. Greti servierte ihm ein herzhaftes Frühstück, und er fühlte sich sehr wohl in ihrer Nähe. Besonders liebte er ihr Deutsch, vermischt mit dem Schweizer Dialekt. Nun musste er aber aufbrechen, wollte er doch heute noch durch die Schweiz nach Italien und dann über Mailand nach Rom fahren. Greti gab ihm ein Lunchpaket mit auf die Reise und verabschiedete sich. Jonathan fiel der Abschied ein wenig schwer.
Die Fahrt durch die Alpen mit den vielen Kurven war anstrengend, er vermied die Autobahn, legte deshalb öfter Pausen ein. So machte er auch eine größere Rast am Comer See. Italien war endlich erreicht!
Das Wetter konnte gar nicht besser sein, und Jonathan beschloss, ein wenig zu Fuß am See entlangzugehen, um die herrliche Landschaft mit den nahen Bergen und das mediterrane Flair zu genießen. Auf einer Parkbank, die gute Luft einatmend, dachte er an Lucietta; telefonisch war sie noch immer nicht erreichbar.
Er stand auf dem Parkweg, um mit seinem Smartphone die schöne Landschaft zu fotografieren, als zwei Jugendliche auf ihn zukamen. Der Größere von den beiden schlug ihm gezielt das Smartphone aus seinen Händen. Jonathan stand wie angewurzelt da. Ehe er begreifen konnte was geschah, waren die Jugendlichen schon längst weg. Es lagen nur noch Einzelteile am Boden. Als er die Teile einsammelte, stand plötzlich ein fremdländisch aussehendes Paar neben ihm. Der Mann sprach ihn an. Er verstand ihn aber nicht. Der Fremde bot ihm dann in einem gebrochenen Deutsch seine Hilfe an.
Der Mann erzählte, er habe in Deutschland Medizin studiert, und nach dem Studium sei er in seine Heimat Iran zurückgekehrt. Dort hatte er seine Frau kennengelernt, sie war im fünften Monat schwanger. Sie mussten ihre Heimat verlassen, da er als Christ ständig Repressalien ausgesetzt war, seine Arbeit hatte er verloren, auch seinen Ausweis nahm man ihm ab. Die Forderung, sich von seiner Frau zu trennen, brachte das Fass zum Überlaufen. Der Fremde war sehr aufgeregt, dann wieder freute er sich sehr, dass sie es schon bis in die Alpen geschafft hätten. Für die schwangere Frau war die Flucht eine riesige Strapaze. In Italien wollten sie keinen Asylantrag stellen, deshalb befanden sie sich auf dem Weg nach Deutschland.
Das meiste Geld, das sie hatten, ging in die Hände von Schleppern. Um aber mit der Bahn über die Alpen zu kommen, reichte das wenige Geld, das sie noch besaßen, nicht aus. Jonathan, ein herzensguter Mensch, hatte großes Mitleid mit den beiden, er drückte ihnen ohne große Überlegung ein paar Geldscheine in die Hände und empfand großes Glück dabei. Die Flüchtlinge bedankten sich überschwänglich und tauschten die Adressen aus, der Mann seine iranische Heimatadresse. Er versprach, sobald er in Deutschland sei, sich bei Jonathan zu melden. Zu Hause hatte sich Jonathan mit dem Thema Flüchtlinge auch schon seine Gedanken gemacht; sie taten ihm so leid. Und nun stand ein Flüchtlingspaar sogar vor ihm. Er hoffte nur, dass er ihnen helfen konnte.
Jonathan bekam Hunger und bediente sich an Gretis Lunchpaket. Er teilte es mit den beiden Flüchtlingen. Diese waren so glücklich, dann aber verabschiedeten sie sich. Jonathan schaute auf das leere Lunchpaket und dachte an Greti. Sie schwirrte ihm ebenfalls noch im Kopf herum.
Es wurde nun aber Zeit, weiterzufahren. Jonathan suchte den nächsten Abfallbehälter auf, um das leere Lunchpaket zu entsorgen. Hinter dem Abfallbehälter, etwas versteckt, bemerkte er eine alte, braune Akten- tasche. Vielleicht hatte sie jemand entsorgen wollen. Er nahm die Tasche an sich, sie war schwer. Jonathan hatte ein mulmiges Gefühl, deshalb öffnete er ganz vorsichtig die Tasche und schaute wie gebannt hinein. Was er da sah, ließ ihn erstarren, und die Sauerstoffzufuhr kam fast zum Stillstand. Er drückte die Tasche, sie war komplett gefüllt mit gebündelten 50-Euro-Scheinen, ganz fest an seinen Brustkorb. So viel Geld hatte er noch nie gesehen. Doch Jonathan, eine durch und durch ehrliche Haut, brauchte nicht lange zu überlegen - die Aktentasche musste sofort zum nächsten Polizeirevier, vielleicht gab es sogar einen Finderlohn. Die Polizei anrufen ging nicht, denn sein Smartphone war ja kaputt.
Auf dem Weg zurück zu seinem Auto war ihm furchtbar unwohl, die Tasche unter dem Arm, schaute er immer nach rechts, links und zurück, denn er vermutete, beobachtet und verfolgt zu werden. Endlich erreichte er sein Auto. Nach nur wenigen Kilometern Fahrt mit der wertvollen Fracht geriet er in eine Polizeikontrolle. Prima, dachte er, jetzt werde ich die Aktentasche schnell wieder los. Jonathan berichtete dem Polizisten von der gefundenen Tasche mit dem Geld. Der Polizist hörte ihm nicht zu, sondern kontrollierte seine Ausweispapiere, dabei fiel sein Blick auf die Aktentasche auf dem Beifahrersitz.
Jonathan musste die Tasche öffnen. Der Polizist staunte nicht schlecht, als er das viele Geld sah. Jonathan offenbarte ihm noch einmal, dass er die Aktentasche hinter dem Abfallbehälter fand und sie zur Polizei bringen wollte. Die Polizisten diskutierten heftig miteinander, keiner von ihnen glaubte Jonathans Schilderung.
Mit Handschellen wurde er im Jeep zur Polizeiwache gebracht. Jonathan war konsterniert und verstand die Welt nicht mehr. Er hatte doch nichts verbrochen!
Doch es sollte noch schlimmer kommen, denn nach einigen Stunden auf der Wache, teilte man ihm mit, dass das viele Geld in der gefundenen Aktentasche Falschgeld war! Die Polizei brachte Jonathan nach Mailand ins Gefängnis! Wie lange musste Jonathan im Gefängnis bleiben? Wann konnte er Lucietta endlich in seine Arme schließen?