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Leserbriefe: Kafka mit Gefühl

Leserbriefe : Kafka mit Gefühl

Schüler-Theater

Zu unserer Ankündigung „Eine Antwort auf absurde Realität“ (TV vom 5. April) zu der Aufführung eines Stücks von Franz Kafka am Regino-Gymnasium Prüm schreibt dieser Leser, der sich die Aufführung angesehen hat:

Manchmal ist wohlmeinendes Lob zugleich Kritik, denn zunächst sucht der Zuschauer vergeblich nach Kafkaeskem, wenn in diesen Tagen die Theater AG des Regino-Gymnasiums Prüm mit ihrer „Kafka Collage“ auftritt. Ohne die anfänglich warnenden Hinweise des Sprechchors würde man meinen, der Bühnenfassung einer Erzählung von Edgar Allen Poe beizuwohnen, so echt kommen der Mord auf offener Straße oder der Auftritt der Hungerkünstlerin daher.

Erst der Verzicht auf den Verzicht, der Geck mit den Halbschuhen oder mit dem übergangenen Mittagsschlaf rufen ins Groteske zurück und bieten nahtlos den Übergang zur streng bewachten Gesetzestafel. Absurdes Theater, was dem Zuschauer da geboten wird? Möchte man meinen und fühlt sich doch ganz wohl dabei. Denn das saubere Sprechen, die perfekte Mimik, überhaupt nicht gekünstelt, fesseln.

Wie ein roter Faden stehen die Hüter des Gesetzes vor ihrer Tafel. Der Bittsteller windet sich, was er kann. Das ist gelungene Nötigung des Publikums, wie er das hinbekommt. Die Zuschauer müssen trotz Bestechungsversuchen, Heulen und Verkrüppelung des Darstellers draußen vor bleiben, weil der Einlass nur für ihn, den vergeblich Wartenden bestimmt ist. Da hilft nicht einmal das Flöhe-Husten! Köstlich, diese Szenen.

Die gesamte Truppe entwickelt eine Dynamik, die vom Boden bis zur obersten Sprosse der Treppenleiter reicht. Und selbst die Reportage aus dem „Fenster“ oben könnte echter nicht sein, wenn Fußball doch Fußball und kein Mord wäre!

Einfach wunderbar, wie im Chor gesprochen, wie geulkt, wie getanzt wird oder den Schauspielerinnen Melodien aus dem frühen 20. Jahrhundert sanft über die Lippen gehen.

Inklusive der Musik in den kurzen Verschnaufpausen passt alles zueinander und es herrscht auf der Bühne und drumherum eine gepflegte Atmosphäre. Jeder befindet sich da, wo er sein muss. Kein Patzer entkommt denen in unaufdringlichen Kostümen, und das Bühnenbild – wie gewohnt – eher karg und vielleicht doch ein wenig kafkaesk.

In die Enge getrieben, wird dem Beängstigten empfohlen, die Laufrichtung zu ändern.

Dass Schüler der oberen Mittelstufe zu einer derartigen Leistung geführt werden, spricht für den freien Geist der Schule, die gewohnte Spieldisziplin der Schüler und das gute Händchen ihrer Lehrer.