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Landwirtschaft und Ernährung: Keine Entschuldigung

Landwirtschaft und Ernährung : Keine Entschuldigung

Zu den Leserbriefen unter der Überschrift „Gewaltiger Irrtum“ (TV vom 17. Juli) und zur Berichterstattung über Tierwohl und Schlachtbetriebe schreibt Lelina Kartschewski:

Darf man von artgerechter Tierhaltung und einem guten Gesundheitszustand der Tiere sprechen, wenn diese im Kastenstand mit Maßen von 200 mal 65 bis 70 Zentimeter über fünf Wochen gehalten werden, ohne die Möglichkeit, sich ungehindert auszustrecken oder umzudrehen?

Oft werden Argumente für die Notwendigkeit von Kastenständen angegeben, die sich auf das Verletzungsrisiko, Rangkämpfe oder den Schutz der Ferkel beziehen. Würde ein Schwein artgerecht mit ausreichend Auslauf und Kontakt zu Artgenossen gehalten, wären diese Argumente nichtig.

Schweine sind soziale Tiere, die „in Verbänden mit fester Rangordnung“ leben. Wenn diese einmal feststeht, kommt es nicht zu weiteren größeren Auseinandersetzungen, wenn es den Tieren möglich ist, sich aus dem Weg zu gehen. Auch würde sich eine Muttersau nicht einfach auf ihre neugeborenen Ferkel legen, was den Gebrauch einer sogenannten „Ferkelschutzbox“ rechtfertigen soll. Kann sich eine Sau ausreichend bewegen, sucht sie sich einen Platz zum Ablegen, an dem nicht ihre Ferkel stehen oder liegen. Anders könnten die Ferkel der sich legenden Mutter ausweichen, was in einem engeren Raum nicht möglich ist. Zudem würde sich das Verletzungsrisiko der Sauen bei ausreichend Bewegung nicht erhöhen, da sie durch natürliche Bewegungen ein gesundes Muskelwachstum aufweisen würden. Dies ist in einer Kastenhaltung, in der sich die Sauen nicht um die eigene Achse drehen und gerade einmal ablegen können, nicht möglich.

Neben den physischen Einschränkungen werden den Schweinen auch psychisch nicht die Möglichkeiten geboten, die sie in einer natürlichen Umgebung ausleben würden. Weder ein Gruppenverhalten noch eine intensive Mutter-Kind-Bindung können ausgeübt werden. Die Muttersauen müssen in ihren Exkrementen stehen, dürfen sich nicht im Schlamm suhlen oder im Boden graben.

All dies schränkt die psychische Ausgeglichenheit eines solchen Tieres ein, führt zu Stress und kann zu aggressivem Verhalten führen, wenn die Sauen wieder in einer Gruppe gehalten werden (in der Zeit im Wartestall), da dann die Rangordnung neu „erkämpft“ werden muss.

Aussagen von Landwirten, dass sie sich aufgrund des Preiswettkampfs mit Discountern in ihrer Existenz bedroht fühlen, können nachvollziehbar sein, sind jedoch keine Entschuldigung für tierschutzwidrige Haltung.

Wenn zudem diese sich selber als „Ferkelerzeuger“ betiteln, die Tiere lediglich als „Produkte“ sehen und rein aus wirtschaftlichem Interesse Schweinefleisch „produzieren“, ist anscheinend kein Platz für das Tierwohl.

Letzten Endes benötigt es zum Wandel der Tierhaltung jedoch mehrere Faktoren. Zum einen die Politik, die aktiv handeln und sich gesetzlich für eine artgerechte Haltung aussprechen muss. Zum anderen die sogenannten Produzenten und Konsumenten.

Lelina Kartschewski, Trier