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Klettern trainiert Körper und Geist

Beim Bouldern klettern die Sportler ungesichert in geringer Höhe. Foto: mauritius
Beim Bouldern klettern die Sportler ungesichert in geringer Höhe. Foto: mauritius
Die Beine zittern. Die Hände versuchen krampfhaft, den kleinen Griff nicht loszulassen. Sarah Konrad

Der Boden ist schon einige Meter entfernt, aber der nächste Sicherungshaken noch nicht in Sicht. Die Angst steigt und Adrenalin schießt durch den ganzen Körper. Obwohl der Kletterer weiß, dass er gesichert ist, hat er nur ein Ziel: einen Sturz zu vermeiden und den höchsten Punkt zu erreichen. Ist das geschafft, kommt Erleichterung auf und Glückshormone breiten sich im Gehirn aus.
"Die Psyche spielt beim Klettern eine enorm wichtige Rolle", erklärt Jochen Kraushaar. Er ist der Inhaber des Rocklands Kletterzentrums in St. Wendel und weiß: "Oft klettern Sportler, die ihre Angst unter Kontrolle haben, besser, als diejenigen mit mehr Kraft."
Besonders im Vorstieg, wenn der Kletterer durch das Seil von unten gesichert wird, ist die innere Ruhe von großer Bedeutung. "Man weiß, dass die Situation nicht gefährlich ist, aber die Angst ist da. In solchen Momenten muss man einen kühlen Kopf bewahren und seine Leistungsfähigkeit abrufen", erklärt Kraushaar. Er meint, dass Klettern jeden Menschen in seiner Persönlichkeit stärke. Die Fähigkeit, in anspruchsvollen Situationen ruhig zu bleiben, sei auch im Alltag hilfreich. Zudem verfolgt der Sportler beim Klettern ein klares Ziel, das es mit viel Willenskraft zu erreichen gilt. "Man sucht sich ein Projekt, also eine Route, die man unbedingt schaffen will. Dann trainiert man solange, bis auch der letzte Zug gelingt", so Kraushaar.
Doch Klettern ist nicht nur eine Herausforderung für die Psyche, sondern auch für den Körper. Die Kombination aus Kraft, Koordination und Kondition macht den Sport zu einem perfekten Ganzkörpertraining. "Arm-, Bauch- und Rückenmuskulatur werden besonders gestärkt. Aber Klettern ist auch gut für die Sprungkraft und die Beinmuskulatur", sagt Sabine Kind, Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheit in Saarbrücken. Sie erklärt, dass Klettern neben dem Muskelaufbau vor allem die Kraftausdauer und Beweglichkeit fördert. "Außerdem wird die Fantasie angeregt. Ein Kletterer will Probleme lösen. Wenn er an einer schwierigen Stelle hängt, sucht er beispielsweise nach einem Weg, um diese zu überwinden", so Kind weiter. In solchen Momenten sei hundertprozentige Konzentration gefragt.
Verbesserte Aufmerksamkeit


Aus diesem Grund wird Klettern auch vermehrt als Therapie für Kinder mit ADHS eingesetzt. Die Bronxrock-Kletterhalle in Wesseling konnte in einer gemeinsamen Studie mit der Uni Mainz und der Uni Köln nachweisen, dass sich bei Kindern schon innerhalb von zehn Einheiten die Aufmerksamkeit verbessert. Doch nicht nur bei ADHS, sondern auch bei anderen Beeinträchtigungen wie Multipler Sklerose, Angststörungen, Wirbelsäulenverkrümmungen (Skoliosen), Haltungsschwächen oder Knochenschwund (Osteoporose) wird Klettern als Therapie angewandt.
Experten sind sich einig: Obwohl Klettern zu den Risikosportarten zählt, ist es ein sehr gesunder Sport, in dem verhältnismäßig selten Unfälle passieren. Das belegt auch die aktuelle Statistik des Deutschen Alpenvereins (DAV). Der DAV zählt mittlerweile über eine Million Mitglieder und registriert alle Unfälle, die von der Versicherung der Mitglieder gemeldet werden. Im Jahr 2012 wurden dem DVA drei tödliche Unfälle im Bereich des Alpinkletterns mitgeteilt. Zudem ereigneten sich 106 Unfälle mit Verletzungen. Davon 65 beim Alpin-, 27 beim Sport- und nur 14 beim Kunstwandklettern. "Die meisten Verletzungen resultieren aus unkontrollierten Stürzen und Unachtsamkeit", sagt Kind. Insgesamt betrachtet, ereignen sich beim Klettern am Felsen häufiger Zwischenfälle, da Faktoren wie Witterung und Steinschlag hinzukommen.
Auch die psychische Belastung ist draußen wesentlich größer als in der Halle. "Für den Körper gibt es jedoch kaum Unterschiede", erklärt Sabine Kind, "letztendlich ist es unwichtig, ob draußen oder drinnen trainiert wird. Denn beim Klettern muss man immer das Angstgefühl besiegen und über sich selbst hinauswachsen." npExtra

Beim Alpinklettern ist es das Ziel, den Gipfel eines Berges zu erklimmen. Die Ausrüstung, Routenplanung und Beobachtung des Wetters spielen eine wichtige Rolle. Beim Sportklettern steht die Herausforderung im Vordergrund, eine Route in einem bestimmten "Begehungsstil" zu klettern. Sportkletterrouten, sei es am Felsen oder in der Halle (Kunstwand), sind meist sehr gut abgesichert. Das Verletzungsrisiko ist daher gering. Beim Bouldern klettert der Sportler ohne Seil in einer Absprunghöhe von zirka drei Metern. Eine Boulderroute beinhaltet oft eine besonders schwierige Stelle, die es zu meistern gilt. np