KOMMUNALPOLITIK

Zum Artikel "50 Gemeinden in der Region suchen noch einen Bürgermeister" und zur "Umfrage des Tages" (TV vom 28. Oktober):

Es sind oft die kleinen Meldungen am Rande, die Bedeutendes mitteilen, so in der "Umfrage des Tages" vom 28. Oktober. Darin heißt es, dass die Deutschen sich vor allem um ihre privaten Belange kümmern wollen: Reisen, Gesundheit und nicht zuletzt mehr Zeit für sich selbst und für die Familie wünschen. Damit ist schon eine Menge zur Problematik des Artikels gesagt. Wenn Herr Weirich aus Tawern von einer "Rund-um-die-Uhr-Präsenz" als Ortsbürgermeister spricht, dann kollidiert das augenfällig mit der Umfragemeldung. Sicher: Geldmangel, Schuldenverwaltung, Anfeindungen, das alles macht die Aufgabe nicht leichter, das ist nicht spaßfördernd. Ein Ehrenamt erfordert allerdings mehr als den Spaßfaktor. Hier geht es auch um eine gehörige Portion Idealismus, Innovationsgeist und Sozialkompetenz. Offenbar kommen die immer mehr abhanden. Warum? Wer sich die Tagesumfrage ansieht, könnte eine mögliche Antwort finden: "Reisen" steht für Konsumwünsche, "Gesundheit" für uneingeschränkte Lebensfreude und "Zeit" für den dazu notwendigen Freiraum, der zu fehlen scheint. Konsum, Lebensfreude, Freiraum - das sind gegenwärtig die gesellschaftlich favorisierten Werte. Woher kommen die? Staat und Kirche, einstmals dominierende Wertesetzer, sind in den Hintergrund getreten. Heute dominiert die Ökonomie unser Leben. Und hier zeigen sich die Kernelemente eines Wirtschaftslebens, das aus zwei Hauptpolen besteht: Produktion und Konsum. Die Produktionsanforderungen nehmen den Freiraum, versklaven in gewisser Weise das Individuum mit zunehmender Tendenz zur Überforderung; zugleich steigt jedoch der Anreiz zum Konsumieren als notwendiger Gegenpol, als quasi Ersatz für die fehlende Möglichkeit, sich außerhalb der Produktionswelt frei zu verwirklichen. Die Betonung liegt auf "frei". Gott sei Dank, es gibt sie noch hier und da, die willensstarken, kraftvollen und idealistischen Ehrenamtsträger, einer überfordernden und zugleich infantilisierenden Ökonomie zum Trotz. Michael Wilmes, Ralingen