KONFLIKTE

Zum Leserbrief "Die Wurzel allen Übels" (TV vom 5./6. Juli) und zum religiösen Fundamentalismus:

Das Vorurteil und die Vorstellung zu und von den Dingen sind wie die Wunder des Glaubens liebstes Kind und begleiten die Menschheit von Beginn an. Die menschliche Vorstellung ist wandelbar, passt sich dem Neuen an. Denn die Vorstellung des Menschen, sein Wissen, sein Bewusstsein zum Dasein vor Hunderten und Tausenden von Jahren war ein anderes als heute. Die Menschen dachten und verharrten in ihrer Zeit. Der griechische Philosoph Demokritos, der den Begriff á-tomos (unteilbar) zur Erklärung der Welt festlegte, würde mit der heutigen Atomlehre wenig anzufangen wissen. So ist es auch mit den Religionen. Keine von ihnen ist vom Himmel gefallen, alle sind Ergebnis menschlichen Suchens und ihres Erkenntnisgrades, menschlicher Vorstellungskraft und spiegeln das Bewusstsein ihrer Zeit wider. Wenn man sich also heute über Religionen und ihre Auswüchse auslassen möchte, um über sie zu urteilen, so muss man wissen, dass man mit Halbwissen Sklave seines Vorurteils, seiner Vorstellung von den Dingen wird. Und wenn man dann auch noch hingeht und alles Übel einer Religion anrechnet - aus heutiger Sicht bewertet -, dann begibt man sich auf sehr glattes Eis. Ganz schlimm wird es, wenn man Behauptungen aufstellt, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, weil die Vorurteile wie Scheuklappen wirken. Religionen, Herr Doddridge, sind nicht die Wurzel allen Übels, sondern die Menschen, die nach den Vorstellungen ihrer selbst gemachten Religionen leben. Und da gibt es eine Übereinstimmung in allen Religionen: In jeder Religion versuchen ihre Vertreter, den Wahrheitsgehalt ihrer Religion hervorzuheben und gegen andere Vorstellungen abzusichern. In unserer Gesellschaft ist es ein beliebtes Spiel, die katholische Kirche als Alleinunterhalterin für Schlechtigkeiten, die im Auftrag von Religionen begangen wurden, zu brandmarken. Das heißt nicht, dass die Dinge nicht angesprochen werden sollen. Wer sich aber zu einer solchen Behauptung versteigt, die (s)eine Religion zum Sündenbock abstempelt, hat sich disqualifiziert. Ihm kann man nur raten, sich einmal in anderen Religionen umzusehen. Hans Greis, Wawern