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Gesellschaft: Lasst die Kirche im Dorf und Marx auf dem Sockel!

Gesellschaft : Lasst die Kirche im Dorf und Marx auf dem Sockel!

Zum Beitrag: „Marx, Hindenburg und die anderen“ (TV vom 18. Juni) schreibt Karl Mikolai:

Katharina de Mos schreibt über die weltweiten Proteste gegen Rassismus und weist darauf hin, dass eine neue Arbeitsgruppe sämtliche Straßennamen Triers kritisch unter die Lupe nehmen und auch nach „potenziellen Rassisten“ Ausschau halten wird. Welche „anderen“ sind denn gemeint? Vielleicht die, die in der Vergangenheit unseren gegenwärtigen, scheinbar absoluten und vollkommenen ethisch-moralischen Vorstellungen nicht gerecht geworden sind?

Weiterhin zitiert sie den Autor Wolfram Weimer, der Karl Marx als einen der „wirkmächtigsten Antisemiten und Rassisten“ bezeichnet; frühere Artikel Weimers in dem von ihm gegründeten Cicero-Magazin lassen jedoch berechtigte Zweifel aufkommen, ob er selbst als lupenreiner Antirassist angesehen werden kann. So kritisiert er 2004 die Integrationsdebatte in Deutschland als naiven Multikulturalismus und spricht von einer „Multi-Kulti-Lüge“; 2006 heißt es in einem Beitrag von ihm: „Der kulturelle Dschihad ist unterwegs, er organisiert den globalen Kommunikationsraum [...] mit einer subtilen Mischung aus latenter Gewalt, rhetorischer Aggressivität und moralisch aufgeladenen Opfermythen“.

An der Person „Marx“, der von väterlicher Seite jüdische Wurzeln hatte, werden sich immer die Geister scheiden, aber ihn aufgrund von Einzelaussagen, die zum Teil seiner privaten Korrespondenz mit Engels entnommen sind, als Rassisten und Antisemiten zu beschimpfen, ohne eine historische, politische und ökonomische Einordnung dieser Äußerungen in sein Gesamtwerk vorzunehmen, greift sicherlich zu kurz; die angekündigte Straßennamenkontroll-AG wird rasch feststellen, wie problematisch es ist, wenn Angehörige einer saturierten Wohlstands- und Überflussgesellschaft die Verhaltens- und Handlungsweisen historischer Persönlichkeiten kritisieren, die es in anderen Zeitepochen mit völlig anderen wirtschaftlichen Verhältnissen und Bewusstseinsstrukturen zu tun hatten; dies soll am Beispiel des Georg Friedrich Dasbach verdeutlicht werden. Im Norden Triers trägt eine Straße seinen Namen, in der Glockenstraße ist außer dem Dasbach-Brunnen (1984) noch eine Gedenktafel mit Porträt von ihm vorhanden, die die Inschrift trägt: „Dasbach, dem großen Helfer des Trierer Landvolkes“; seine letzte Ruhestätte befindet sich an der Kirche St. Gangolf. Dasbach (1846-1907) versuchte als Kaplan, Publizist und Sozialreformer in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem den Bauern und Winzern an der Mosel zu helfen; 1875 gründete er die Trierische Landeszeitung und das Sanct-Paulinus-Blatt (heute: Paulinus), in dem er ab 1879 eine eigene Rubrik einrichtete, die den „Judenwucher“ anprangerte.

Der Leser mag sich selbst ein Urteil bilden, in welchem Maße antisemitische/rassistische Äußerungen die Lebensleistung einer historischen Persönlichkeit schmälern, aber die gegenwärtige Rassismus-Debatte stellt für uns selbst eine gute Gelegenheit dar, eigene, eingefahrene Denk- und Bewusstseinsmuster zu ändern, und dies wird sicherlich nicht durch den Abbruch einer Statue erreicht werden.

Karl Mikolai, Föhren, Stadtführer Trier