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Politiker
Was sollen sie denn anderes machen?

Zur vielfach erhobenen Politikerschelte meint Michael Wilmes, Ralingen:

Gefühlt jeder zweite Leserbrief enthält Politikerschelte und zeigt  Skepsis gegenüber oder sogar Verachtung für die „politische Klasse“. Gemach! Ich möchte zwar nicht behaupten, dass sich alle Politiker  für das Allgemeinwohl aufopfern; dagegen sprechen Statistiken zur Korruption in Deutschland und auch die nicht ganz unerhebliche Höhe der Diäten. Aber nun mal offen: Was sollen die Damen und Herren Volksvertreter denn anderes tun, als bestenfalls an Stellschrauben des ökonomisch-politischen Systems zu drehen? Sollen sie etwa alles „auf den Kopf stellen“? Das dynamische Geflecht aufbrechen –  bestehend aus Technik (zunehmend digital), Kapitalismus (mittlerweile weltweit, global, beschönigend: „Marktwirtschaft“), Konkurrenz (Ökonomen sprechen von „Wettbewerb“, der etwas anderes ist als Konkurrenz) und Konsum (die andere Seite des Januskopfs aus Produktivität und Konsum = Wachstum)? Das ist weder möglich, noch würde es von großen Teilen der Bevölkerung gutgeheißen werden. Ich gehe mal davon aus, dass die Wahlergebnisse aus wohlüberlegten, vernünftigen und rationalen Motiven stammen. Die Wahlen zeigen so gut wie immer Zustimmung zu Parteien, die das Geflecht mal verstärken, mal seine Wirkungen ein wenig zugunsten der allgemeinen gesellschaftlichen Stabilität beeinflussen („Stellschrauben“!). Ideologien und Visionen hatten wir schon. Sie sind out. Also verschonen wir die Politiker mit Nörgelei und Missachtung. Jeder von uns würde nicht anders handeln (können!) als die derzeitigen Mandatsträger.

Lassen wir „unsere Volksvertreter/innen“ also weiter an Stellschrauben drehen, und hoffen wir, dass ihre Arbeit ökonomische, soziale, politische und klimatische Katastrophen verhindert. Im Übrigen: Jeder kann politische Verantwortung übernehmen, egal ob weiß oder farbig, Mann oder Frau oder divers, hetero oder schwul/lesbisch. Nur volljährig muss man sein, zurechnungsfähig und auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen.