Leserbrief : Minister Altmaier und die kognitive Dissonanz

Klimaschutz

Zu den Artikeln „Deutschland unter Strom: Politiker fordern mehr Windräder“ (TV vom 14. Juli) und „Ein Klimapaket mit großen Schwächen“ (TV vom 19.Juli):

Viele Menschen sind von kognitiver Dissonanz betroffen. Das ist ein unangenehmer Gefühlszustand, der entsteht, wenn der Mensch unvereinbare Wahrnehmungen, Einstellungen (Kognitionen) hat, zwischen denen Konflikte (Dissonanzen) entstehen: Viele möchten effektiven Klimaschutz, aber keine Einschränkungen in ihrem Lebensstil hinnehmen.

Ein typisches Beispiel liefert Wirtschaftsminister Altmaier. Einerseits kennt er die Gefahren des Klimawandels und kündigt im Wahlkampf Klimaschutzgesetze an. Andererseits weiß er, dass in seiner Partei effektive Klimaschutzgesetze nur schwer umsetzbar sind. So ist zu befürchten, dass er „Ankündigungsminister“ bleibt: Bisher hat er den Ausbau der Regenerativen stark gebremst, indem er zum Beispiel bürokratische Hürden für Fotovoltaik und Windkraft aufbaute, insbesondere für regionale Bürgerunternehmen.

Außerdem rechnete er die für die Energiewende benötigten Strommengen aus meiner Sicht bewusst klein.

Dabei ging er von gleichbleibendem Strombedarf aus, obwohl jedem klardenkenden Menschen bewusst ist, dass mit der zum Klimaschutz notwendigen Elektrifizierung des PKW-Verkehrs, der Einführung von Wärmepumpen und dem Mehrbedarf an grünem Wasserstoff der regenerativ erzeugte Strombedarf immens steigen wird.

Jetzt geht er von einem in 2030 zehn- bis 15-prozentigem Strom-Mehrbedarf aus. Seine Zielmarke für 2030: 580 Terawattstunden. Das vom Ministerium beauftragte Prognos-Institut berechnet jedoch 645 bis 665 TWh. Altmaiers Minireformplan erfolgt nicht zuletzt aufgrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts über eine Nachbesserung des Klimaschutzgesetzes von 2019.

So will er nun eine weitere Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl einbringen. Das ist zynisch, denn für den Klimaschutz sind die CDU-Pläne viel zu vage und bei weitem nicht ausreichend. Sicherlich hofft Altmaier, fossilen Großunternehmen nicht zu sehr auf die Füße treten zu müssen.

Ein effektiver Klimaschutz muss aufgrund der Versäumnisse in der Vergangenheit sofort erfolgen. Aufklärung kann die kognitive Dissonanz vieler Menschen überwinden.

Klimaschutz kostet zwar viel Geld, muss deshalb durch einen sozialen Ausgleich abgefedert werden. Ein weiteres Zögern und halbherzige Maßnahmen werden uns nach Aussagen der Wissenschaften jedoch viel  mehr kosten. Das belegt nicht nur die Starkregenkatastrophe, die unsere Region jüngst getroffen hat.